Die Donauwiese – eine Hommage

Neues Buch des Floridsdorfers Matthias Marschik erzählt die Geschichte des Überschwemmungsgebiets.

Überschwemmungsgebiet. Für viele Wiener ein Begriff, der heißgeliebte Erinnerungen an die Kindheit oder Jugend wachruft. Der Floridsdorfer Autor Matthias Marschik hat dem offiziell Inundationsgebiet genannten Streifen links der Donau mit seinem neuen Buch ‘Die Donauwiese’ ein Denkmal gesetzt.

Der Anlegesteg der Überfuhr von Jedlesee zur Dampfschiffstation Nußdorf im Jahr 1931. Die Charlotte war von einem Motorboot abgelöst worden. Freilich fuhren keine Arbeiter mehr von Nußdorf nach Floridsdorf oder Bauern in die umgekehrte Richtung. Die Fähre war vor allem bei Ausflüglern beliebt. In den 1950er-Jahren wurde sie eingestellt. Foto: Edition Winkler-Hermaden/Archiv Marschik.
Der Anlegesteg der Überfuhr von Jedlesee zur Dampfschiffstation Nußdorf im Jahr 1931. Die Charlotte war von einem
Motorboot abgelöst worden. Freilich fuhren keine Arbeiter mehr von Nußdorf nach Floridsdorf oder Bauern in die umgekehrte Richtung. Die Fähre war vor allem bei Ausflüglern beliebt. In den 1950er-Jahren wurde sie eingestellt. Foto: Edition Winkler-Hermaden/Archiv Marschik.

‘Ein verschwundenes Wahrzeichen’ nennt der Autor jenen 474,5 Meter breiten Streifen der über 100 Jahre das Freizeitparadies vieler Wiener war. Für die jüngeren Leser: Wir sprechen vom Gebiet der heutigen Donauinsel, Neuen Donau und Donauuferautobahn. Entstanden war es 1875 im Zuge der Donauregulierung, als neben dem Donaubett ein Wiesenstreifen angelegt wurde, der bei Hochwasser die zusätzlichen Wassermassen aufnehmen sollte. So entstanden der heutige Donaulauf, die Alte Donau (einst der Hauptarm) und viele, teils verschwundene, Nebenarme wie die einst wilde Schwarze Lacke. Meist mehrmals jährlich wurden die Wiesen überschwemmt, im Winter staute sich das Eis. Um die Nutzung für die restliche Zeit, hatten sich die Eigentümer, nämlich die Wiener und die damals noch eigenständigen Floridsdorfer, rasch selbst gekümmert.

Der Begriff „Überschwemmungsgebiet“ suggeriert das Bild einer einförmigen, kargen Wiese. Doch Menschen und Tiere, Bäume, Büsche, Wege und von den Überschwemmungen zurückgelassene Sandhügel gaben der Wiese ein unverwechselbares, sich ständig änderndes Gepräge. Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21 (5).
Der Begriff „Überschwemmungsgebiet“ suggeriert das Bild einer einförmigen, kargen Wiese. Doch Menschen und Tiere, Bäume, Büsche, Wege und von den Überschwemmungen zurückgelassene Sandhügel gaben der Wiese ein unverwechselbares, sich ständig änderndes Gepräge. Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21 (5).
Autor Matthias Marschik. Bild: Privat.
Autor Matthias Marschik. Bild: Privat.

Marschik: „Sie gingen dort wandern, baden oder im Winter Eislaufen, fuhren Rad, ließen Drachen steigen und spielten Fußball. Sie labten sich an mitgebrachten Speisen oder – wer es sich leisten konnte – bei den zahlreichen Schutzhütten. Die stehenden, zum Teil mit der Donau verbundenen Gewässer waren als hervorragende Fischreviere bekannt. Ebenso galt das Gebiet wegen der zahlreichen Hasen, Fasane und Rebhühner als Niederwildrevier. Abends und nachts wurde die Donauwiese zum erotischen und gefährlichen Ort. Hier wurden nicht nur Kinder gezeugt, sondern auch Selbstmorde verübt, sie war ein Ort für Prostitution und Verbrechen, für Alkoholismus und Schleichhandel.” Marschik (Bild) , Historiker und Kulturwissenschafter, spannt über mehrere inhaltliche und zeitliche Abschnitte einen spannenden Bogen. Das Inundationsgebiet war in seiner Jedleseer Kindheit und Jugend sein „Abenteuerspielplatz“, auch wenn es die Eltern nicht wissen durften. Heute lebt er in der Schwarzlackenau.

 

Die Anlage der Siedlung Schwarzlackenau war erst durch die Donauregulierung möglich geworden. Die Schwarze Lacke wurde zum Freizeitort, ihre Gefahr verlor sie allerdings nie ganz. Ende der 1940er-Jahre füllte man sie mit Bauschutt auf, unter anderem mit den Resten des Heinrichshofes. Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21 (5).
Die Anlage der Siedlung Schwarzlackenau war erst durch die Donauregulierung möglich geworden. Die Schwarze Lacke wurde zum Freizeitort, ihre Gefahr verlor sie allerdings nie ganz. Ende der 1940er-Jahre füllte man sie mit Bauschutt auf, unter anderem mit den Resten des Heinrichshofes. Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21 (5).

Bis zur Fertigstellung der Neuen Donau im Jahr 1987 wurde das Überschwemmungsgebiet zu einem Wiener Wahrzeichen. Im 2. Weltkrieg hatten die Nazis große Ausbaupläne, nur ein kleiner Teil, Ölhafen und Freudenau, wurden letztlich Realität. Ein paar Jahre später veranstalteten die sowjetischen Besatzer gut besuchte Tombolas, auch wenn als Hauptgewinn nur ein Paar Schuhe winkte. 1956 wurden Tausende Ungarnflüchtlinge kurzfristig in einer Zeltstadt auf der Donauwiese versorgt, zwölf Jahre später Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei. Zu Beginn der 1970er-Jahre fanden dort etliche Gastarbeiterfeste statt.

Zwischen 1920 und etwa 1930 bestand an der Chalupna-Lacke oberhalb der Floridsdorfer Brücke beim Hubertusdamm eine hölzerne Badeanstalt, die sich etwas hochtrabend „Floridsdorfer Bad“ nannte. Man konnte wahlweise in dem kleinen Tümpel das Schwimmen erlernen oder ein Freibad im Donaustrom wagen. Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21.
Zwischen 1920 und etwa 1930
bestand an der Chalupna-Lacke oberhalb der Floridsdorfer Brücke beim Hubertusdamm eine hölzerne Badeanstalt, die sich etwas
hochtrabend „Floridsdorfer Bad“ nannte. Man konnte wahlweise in dem kleinen Tümpel das Schwimmen erlernen oder ein Freibad im Donaustrom wagen. Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21.

Eine weitere frühe Epsiode aus dem 20. Jahrhundert: Einige wenige Jahre war die Donauwiese das Mekka der Flieger. „Das Überschwemmungsgebiet ist die Wiege der Aviatik in Wien: Auf der Donauwiese nahe Kaisermühlen startete im Mai 1909 zum ersten Mal in Wien ein Mensch mit einer Flugmaschine. Wegen der holprigen Piste verweigerte der französische Pilot Georges Legagneux anfangs zwar den Start, als die aus zehntausenden Zahlenden bestehende schaulustige Menge jedoch eine drohende Haltung einnahm, absolvierte er einen kurzen Versuch. Einige Beobachter waren überzeugt, er sei kurz geflogen, die anderen beklagten, das Flugzeug habe überhaupt nicht abgehoben.”, erzählt Marschik. Erst 1973 wurde der Betrieb des Segelflughafens (heute Höhe Segelzentrum) eingestellt.

Anfangs wurden die aus München kommenden Flugzeuge in Jedlesee mit Schwimmern versehen und bei einem hölzernen Floß zu Wasser gebracht. Von dort aus starteten sie nach Budapest. Die Passagiere reisten meist mit der Fähre von Nußdorf an. Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21.
Anfangs wurden die aus München kommenden Flugzeuge in Jedlesee mit Schwimmern versehen und bei einem hölzernen Floß zu Wasser gebracht. Von dort aus starteten sie nach Budapest. Die Passagiere reisten meist mit der Fähre von Nußdorf an. Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21.

Was das Buch so besonders macht: Das profunde Wissen des Autors. Und die vielen großartigen Bilder, die Marschik in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen hat. Es sind nicht die bekannten Postkarten, sondern teils unbekannte, private Schnappschüsse. Absolute Pflichtlektüre!

Ein Hochwasser im Sommer 1965 setzte wieder einmal das Inundationsgebiet unter Wasser. Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21.
Ein Hochwasser im Sommer 1965 setzte wieder einmal das Inundationsgebiet unter Wasser. Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21.
Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21.
Foto: Edition Winkler-Hermaden/BM 21.

Die Donauwiese. Das Inundationsgebiet – Ein verschwundenes Wiener Wahrzeichen. Von Matthias Marschik. € 21,90. ISBN 978-3-9504625-8-6. Erhältlich im Buchhandel. Infos: www.edition-wh.at

 

 

Eisstoß Februar 1893: Die Schollen türmten sich auf der Donau bis zu sieben Meter Höhe auf und wurden in der Folge auch auf das Inundationsgebiet geschoben. Fotos: Edition Winkler-Hermaden/ÖNB.
Eisstoß Februar 1893: Die Schollen türmten sich auf der Donau bis zu sieben Meter Höhe auf und wurden in der Folge auch
auf das Inundationsgebiet
geschoben. Fotos: Edition Winkler-Hermaden/ÖNB.

 

Wasserrutsche an der Alten Donau kurz vor 1900. Foto: Edition Winkler-Hermaden/ÖNB.
Wasserrutsche an der Alten Donau kurz vor 1900. Foto: Edition Winkler-Hermaden/ÖNB.
Badeszene aus der Lobau um 1935. Foto: Edition Winkler-Hermaden/ÖNB.
Badeszene aus der Lobau um 1935. Foto: Edition Winkler-Hermaden/ÖNB.