„Floridsdorf hinkt bei Öffis hinterher”

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NEOS-Klubobmann Bernhard Koch. Bild: Fotostudio Vodicka.
NEOS-Klubobmann Bernhard Koch. Bild: Fotostudio Vodicka.

Interview: NEOS-Klubobmann Bernhard Koch über den Einstieg in die Bezirkspolitik, Verkehrsprobleme, Bauboom, …

2017 startet die Floridsdorfer Zeitung eine Interview-Serie mit den “Chefs” der sechs Parteien der Floridsdorfer Bezirksvertretung. Den Auftakt macht NEOS-Klubobmann Bernhard Koch.

Die NEOS sitzen nun knapp über ein Jahr in der Bezirksvertretung. Ihre Bilanz?

Koch: „Zwei Bezirksräte für die NEOS sind sicher ein Erfolg. Wir dachten dennoch, mit zwei von 60 werden wir als Stimmvieh untergehen. Was mich extrem positiv überrascht: Wir konnten dennoch Dinge anstossen. Und gerade durch die Pattstellung zwischen Rot und Blau in Floridsdorf konnten wir manchmal sogar das Zünglein an der Waage sein.“

Nimmt man eingebrachte Anträge und Anfragen in der Bezirksvertretung als Maßstab des Leistungsnachweises, dann haben die NEOS einige Monate gebraucht, um in die Gänge zu kommen. Warum?

„Ich finde, der Eindruck täuscht. Die tatsächliche Arbeit passiert ja nicht bei den Sitzungstagen, bei denen man Reden schwingt, sondern hinter den Kulissen und in den Ausschüssen. Hier sind wir von Anfang an sehr wach und aktiv. Obwohl wir in den Ausschüssen nicht stimmberechtigt sind, wurden unsere Kommentare oft aufgenommen und sind in Ergebnisse eingeflossen. Das ist in keinster Weise selbstverständlich. Hinter den Kulissen funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Parteien und Bezirksräten übrigens wesentlich besser, als man bei mancher Bezirksvertretungssitzung den Eindruck gewinnen könnte.“

Ihr Highlight bislang?

„Die Resolution für mehr Fachärzte in Floridsdorf. Wir haben sie bewusst als Allparteien-Resolution eingebracht und alle anderen Parteien haben sich angeschlossen. Der Bezirksvorsteher hat natürlich damit auch die Werbetrommel gerührt. Aber Hauptsache das Thema kommt in die Medien und es entsteht der nötige Druck. Ich bin ja nicht in die Politik gegangen, damit man mich in der Zeitung sieht. Sondern damit etwas herausschaut. Und der Druck auf die Ärztekammer in Bezug auf die Augenarztpraxis im Krankenhaus Nord wurde erhöht.“

Vor einem Jahr haben Sie die Kommunikation des Bezirksvorstehers Georg Papai zu den anderen Parteien kritisiert. Wie fällt Ihre Bilanz jetzt aus?

„Das hat er mir sehr übel genommen. Die SPÖ tut sich einfach immer noch sehr schwer damit, nicht mehr die absolute Mehrheit zu haben. Da gibt es in Floridsdorf eine fast schon Jahrhunderte alte Tradition, Dinge allein bestimmen zu können. Dass die SPÖ in Floridsdorf beim Verkauf des Magdalenenhofs und der Flächenwidmung der Siemensäcker überstimmt wurde, ist natürlich für einen roten Bezirksvorsteher sehr unangenehm. Danach hat die Einbindung der kleineren Parteien sicher um einiges besser funktioniert – und das ist für ihn natürlich ein Aufwand. Aber es ist noch Luft nach oben. Vor allem im Vorfeld von Bauprojekten könnte es besseres Informationsmanagement geben. Aber wir haben ja noch über drei Jahre Zeit.“

Stichwort Stadterweiterung: Gibt es für die NEOS auch Grenzen im Bezirk?

„Die Neos sehen auch den dringenden Bedarf zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Und wir stehen auch voll dahinter, in Wien zu inves-tieren. Der erste Punkt ist jedenfalls, mit sinnvollen Verdichtungsmaßnahmen könnte noch eine Unzahl an Wohnungen im Bezirkszentrum entstehen. Am Ende gehen diese Projekte am schnellsten durch, wenn ich die Bevölkerung ganz zu Beginn einbinde. Und mit ihnen Vor- und Nachteile diskutiere. Die Kollateralschäden für die direkt Betroffenen müssen minimiert werden. Und man darf die Leute nicht in eine Ohnmacht hineintreiben oder zu Populisten. Gerade das Donaufeld tut uns Neos sehr weh. Das Argument, wir brauchen Wohnraum darf nicht als Totschlag-Argument verwendet werden. Hätte man vor hundert Jahren so argumentiert, gäbe es jetzt keinen Kahlenberg oder Leopoldsberg mehr. Das nervt mich bei uns im Bezirk extrem: nur weil man eine Wiese bereits einem Bauträger versprochen hat, werden Projekte durchgezogen. Dass für eingeschossige Supermärkte mit angeschlossenem Parkplatz bestes Marchfelder Ackerland versiegelt wird, verstehe ich nicht. Warum kann man da nicht, je nach Standort, einige Stockwerke aufsetzen.“

Zweites Reizthema im Bezirk: Verkehr.

„Ich bin in der Großfeldsiedlung aufgewachsen. Die ist in den sechziger Jahren auf die grüne Wiese gestellt worden. Man musste mit Gummistiefeln bis Leopoldau zur Straßenbahn gehen und dort die Schuhe wechseln. Da wurden zig-tausend Wohnungen auf den Acker gestellt. Ein grünes und extrem soziales Bauprojekt. Aber es gab keinen Verkehrsanschluss. Und jetzt macht man wieder genau denselben Fehler: Wir bauen auf Teufel komm raus überall Wohnungen, und dann wenn die Leute alle im Auto sitzen, kommen wir drauf, Ups, es braucht doch auch einen öffentlichen Verkehr. Wir hinken in Floridsdorf in punkto öffentlichem Verkehr um einiges hinterher im Vergleich zu in der Stadt. Wir scheitern ja sogar an einer City-Bike-Einführung.“

Vorschläge?

„Auf den Querverbindungen sind manche Routen schlechter als in den achtziger Jahren. Damals gab es noch speziell geführte Schulbuslinien zum Beispiel von der Großfeldsiedlung in die Ödenburgerstraße – das könnte man wieder einführen. Dadurch wurden die regulären Wiener Linienbusse entlastet. Speziell am Morgen sind die Busse bummvoll. Ich kenne einige Eltern, die ihre Kinder mittlerweile wieder mit dem Auto in die Schule bringen – weil sie zwei Busse fahren lassen müssen, bis ihre Kinder mit den Schultaschen einsteigen können. Der eine stolz beworbene neue Bus zum Krankenhaus Nord ist eine Beschönigung. Das Gebiet bei den Schichtgründen könnte besser erschlossen sein. Die Wiener Linien sind Dienstleister für die Stadt. Den Eindruck hat man hier über der Donau aber nicht. Ich habe das Gefühl, dass der Bezirk zu den Wiener Linien betteln geht.“

Was würde Bernhard Koch als Bezirksvorsteher angehen?

„Verbesserung der ärztlichen Versorgung in Floridsdorf. Zweitens, der enorme Zuzug nach Floridsdorf erfordert auch den Ausbau des öffentlichen Verkehrs mit Intervallverdichtungen und neuen Verbindungen. Mit Citybikestationen eine Mobilitätslücke schließen. Zur Bekämpfung des Leerstands von Geschäftslokalen bedarf es auch eines Imagewandeles, vor allem im Bezirkszentrum. Ein sanierter Floridsdorfer Markt wäre ein wichtiger Impuls.“

[info]Ein Kind der Großfeldsiedlung
Bernhard Koch ist am 2. 8. 1971 in Wien geboren und wuchs in der Großfeldsiedlung auf. Nach der Matura 1989 folgte das Studium der Technischen Chemie an der TU Wien mit ERASMUS-Aufenthalten in Greenwich (1994/95) und Patras (1997). Um das Studium zu finanzieren arbeitete er als Kinobilleteur, Flugzeugbelader und Taxifahrer. 1999 bis 2001 folgte ein Aufenthalt am Technologietransferzentrum Bremerhaven, seit Ende 2004 arbeitet er an der Universität für Bodenkultur. Koch ist seit 2002 verheiratet und hat zwei Söhne. Er engagiert sich in der Pfarre Leopoldau, ist historisch interessiert und seit 2013 bei den NEOS (seit 2015 Bezirksrat).[/info]