Floridsdorf: Vom Dorf zum Bezirk

Floridsdorf: Vom Dorf zum Bezirk

Seit 24. September läuft im Bezirksmuseum die Ausstellung ‘Floridsdorf – Katastralgemeinde’. Die Geschichte des Zentrums des heutigen 21. Bezirks ist eine kurze, aber spannende.

Die meisten Floridsdorfer Bezirksteile wie Jedlesse oder Jedlersdorf lassen sich bis in das 11. oder 12. Jahrhundert nachweisen. Nicht so das Dorf Floridsdorf. Das lag vor allem an der Donau, die häufig für Überschwemmungen sorgte. Kaum vorstellbar: Die Schwarze Lacke war einst ein gefürchteter Nebenarm der Donau – von Langenzersdorf bis zur heutigen Floridsdorfer Brücke.

Die Anlage eines Dammes durch Cameral-Ingenieur Hubert 1785 war auch eine der Maßnahmen, die die Anlage einer neuen Siedlung förderte. Bereits 1698 waren die Donaubrücken verlängert und 1730 bis 1736 die Reichsstraßen nach Böhmen und Mähren neuangelegt worden. Maria Theresia ließ Hutweiden (Viehweiden) in Ackerland umwandeln, um neue Siedler anzulocken. So entstand ab 1771 die Anton-Bosch-Gasse in Jedlesee. Ebenfalls 1771 wurden die kaiserlichen Jagdgründe am linken Donauufer freigegeben. „Man war nun trotz der Warnung von anderen Wasserbaufachleuten der Meinung, gefahrlos bis zum Strom bauen zu können. Es soll sogar der ausdrückliche Wunsch Kaiser Josef II. gewesen sein, dort wo sich die beiden Straßen von Brünn und Prag vereinen, Spitz genannt, ein Gasthaus zu errichten: Damit die Reisenden eine Übernachtungsmöglichkeit hätten, denn die Tabor Brücke, der einzige Zugang vom Norden zur Stadt, war nachts gesperrt”, schreibt Franz Uhlir in seinem parallel zur Ausstellung erscheinenden Buch. ‘

Spitz’ älter als Floridsdorf

Pius Parsch. Bild: Bezirksmseum.
Pius Parsch. Bild: Bezirksmseum.

Die Gründung einer Ortschaft wurde letztlich zum Wettlauf zwischen den Jedlersdorfern und dem Stift Klosterneuburg. Erstere gründeten in der Gabelung der Reichsstraßen ‘Jedlersdorf Am Spitz’ (auch Klein-Jedlersdorf oder Spitz genannt): Ein Dorfwirtshaus am Platz des heutigen Amtshauses und 14 Häuser. Wenige Monate später war 1786 auch Floridsdorf geboren: Benannt nach dem Klosterneuburger Probst Floridus Leeb (Bild) wurden vorwiegend an junge Männer 30 Gründe entlang der Dorfstraße, heute die Schloßhofer Straße, und in der Brünner Straße vergeben. Der Ort lag auf Hutweiden der Leopoldauer: Sie bekamen – unter Protest – Flächen in Kagran.

Bis 1786 existierten Spitz und Floridsdorf parallel. Neu war auch, dass die Neuansiedler anstatt den Robot zu entrichten, einen Zins zu zahlen hatten. Deshalb waren die ersten Siedler nicht Bauern sondern ein Holzhändler, ein Hufschmied, ein Wagnermeister, ein Greißler, ein Chirurgus, ein Tischler, ein Branntweiner, ein Seiler und ein Eisentandler, Strumpfwirker, Sattler, Schuhmacher, Fleischhauer, ein Schlosser – und es gab ein eigenes Gemeindewirtshaus Ecke Schloßhofer Straße, so Uhlir.

 

Franziszeischer Kataster von 1821: Die Grenzen Floridsdorfs verliefen ‒ nach heutigen Gegebenheiten ‒ von der Oberen Alten Donau zum Wasserpark, dann bis Aupark, weiter zum Schwarzen Weg, dann zur Jedleseer Straße, bis zum Verkehrsschulgarten, weiter Schwaigergasse bis Spitz, Brünner Straße bis Angerer Straße, in dieser bis zur Patrizigasse, von dort zur Scheffelstraße, Kahlgasse, vorbei am Floridsdorfer Krankenhaus, im rechten Winkel zur Franklinstrasse, quer zur Büchnergasse, Freytaggasse, Wedekindgasse, Bodenstedtgasse, und schräg bis zum Anfangspunkt Obere Alte Donau. Das neue Gemeinde- gebiet umfasste 36 Joch und 1360 Quadratklafter (1 Joch = 57,5 Ar, 1 Quadratklafter = 3,6 Quadratmeter).
Franziszeischer Kataster von 1821: Die Grenzen Floridsdorfs verliefen ‒ nach heutigen Gegebenheiten ‒ von der Oberen Alten Donau zum Wasserpark, dann bis Aupark, weiter zum Schwarzen Weg, dann zur Jedleseer Straße, bis zum Verkehrsschulgarten, weiter Schwaigergasse bis Spitz, Brünner Straße bis Angerer Straße, in dieser bis zur Patrizigasse, von dort zur Scheffelstraße, Kahlgasse, vorbei am Floridsdorfer Krankenhaus, im rechten Winkel zur Franklinstrasse, quer zur Büchnergasse, Freytaggasse, Wedekindgasse, Bodenstedtgasse, und schräg bis zum Anfangspunkt Obere Alte Donau. Das neue Gemeindegebiet umfasste 36 Joch und 1360 Quadratklafter (1 Joch = 57,5 Ar, 1 Quadratklafter = 3,6 Quadratmeter).

Vernichtende Allerheiligengüsse

Lang wehrte die Freude allerdings nicht: Bereits 1787 vernichteten die ‘Allerheiligengüsse’ viele der ersten Häuser – der Hubertusdamm hatte sich als untauglich erwiesen. Die Wogen waren so verheerend, dass „auch die mehriste neue Häuser zu Floridsdorf und am Jedlersdorfer Spitz zusammengewaschen hat, so daß die Tachungen davon hin und wider auf deren Haiden und Feldern gelegen sind“, wie es im Jedleseer Gemeindeprotokoll im Original heißt. Die Floridsdorfer ließen sich nicht unterkriegen: Die Häuser wurden neu und besser wiedererrichtet, 1793 folgte ein eigenes Schulhaus, 1802 eine erste Kapelle. Bereits ab 1799 wurde die Verbauung bis zur großen Taborbrücke erweitert. 1804 löste sich Jedlersdorf am Spitz von Jedlersdorf – es folgten die Wirren der Napoleonischen Kriege.

In der Nacht vom 28. Februar zum 1. März 1830 wütete der Jahrhundert-Eisstoß. Ein Zeitzeugenbericht: „Unter entsetzlichem Gekrach der geknickten Auen trat die rasende Flut zum zweitenmal aus ihren Schranken, ungeheure Eisblöcke mit sich fortwälzend, die unerbittlich alles zermalmten, was sie auf ihrem Wege trafen. Im Augenblick standen die meisten Wohnhäuser der Ortschaften Spitz und Floridsdorf 6 bis 8 Schuh (1 Schuh = 0,32 m) unter Wasser, 2 bis 3 Klafter (1 Klafter = 1,9 m) hochaufgethürmte Eismassen stürzten heran und ließen den ohnmächtig ihrer Wut preisgegebenen Schläfern kaum soviel Zeit, sich auf die Böden und Dächer ihrer Wohnungen zu retten.” Unzählige Tote waren zu beklagen, zwei Drittel der Häuser zumindest teilweise zerstört.

Schweickhardt, circa 1835. Sammlung Neumayer.
Schweickhardt, circa 1835. Sammlung Neumayer.

Wenige Jahre darauf hielt Schweickhardt in seiner ‘Darstellung’ über Floridsdorf (Bild unten) fest: „Floridsdorf. Ein Dorf, welches 64 Häuser zählt… 758 Einwohner, nebst 52 schulfähigen Kindern. Der Viehbestand beträgt nur 27 Pferde und 29 Kühe. Merkwürdigkeiten oder sonst bemerkenswerte Gebäude enthält Floridsdorf gar keine!” 1836 wurde die Jakobskirche errichtet, 1837 fuhr die Kaiser Ferdinand Nordbahn, Josef Kahl wurde erster frei gewählter Bürgermeister (1850 bis 1861), 1870 begann auch die große Donauregulierung. 1873 erfolgte die Vereinigung von Jedlersdorf und Spitz. 1894 enstand die Großgemeinde Floridsdorf mit Jedlesee, Donaufeld und den Jedlersdorfer Industriegebieten. 1904/05 wurde Floridsdorf der 21. Wiener Gemeindebezirk.

Weit ausführlicher und bis in die Gegenwart wird die Geschichte unseres Bezirkszentrums in Franz Uhlirs Buch und der aktuellen Ausstellung beschrieben. -HN

Tipp: ‘Floridsdorf – Katastralgemeinde’ Ausstellung im Bezirksmuseum Floridsdorf (bis 20.11.), Prager Straße 33. Geöffnet: Dienstag 15 – 17 Uhr, Sonntag 10 – 12 Uhr. Lange Nacht der Museen, 7.10.: 18 – 1 Uhr. Auskünfte: Telefon 0664/55 66 973.

 

Bild: Bezirksmseum.

BUCHTIPP: Floridsdorf – Katastralgemeinde von Franz Uhlir. Erhältlich im Bezirksmuseum Floridsdorf. Preis: € 12. Kontakt: Tel. 01/270 51 94. Mail: bm1210@bezirksmuseum.at