„Frust über Veränderungen überwinden“

„Frust über Veränderungen überwinden“

Interview: Raumplaner Stefan Ohmacht über Leerstände, frustrierte Lokalbesitzer & die Zukunft des “Spitz”.

Viele jammern, früher war alles besser, wir hatten noch Fürnkranz & Co. Berechtigt?

Stefan Ohmacht: „Ja, leider. Ich kenne die Hernalser Hauptstraße und das Gebiet um Am Spitz gut: Beide haben die gleichen Probleme: Viele Leerstände, viele 1-Euro-Shops. Aber der 13., 18. und 19. Bezirk haben kaum Leerstände. Das sind die reicheren Bezirke und das hat mit Kaufkraft zu tun.“

Im Bezirkszentrum gibt es viel frei finanzierten Wohnbau, steigt die Kaufkraft wieder?

„Das ist die Hoffnung und sicher eine Chance für die lokale Wirtschaft. Aber ob Leute, die in einer teuren Wohnung leben noch so viel Geld zum Einkaufen haben, weiß ich nicht. Inwieweit es der lokalen Wirtschaft gelingt, das in Umsätze umzuwandeln, wird man sehen.“

Einkaufszentren ziehen Kaufkraft an den Bezirksrand und nach Niederösterreich ab.

„Da gibt es einen direkten Zusammenhang: C&A hat genau in der Woche geschlossen, als das G3 eröffnet wurde. Natürlich könnte die Abstimmung zwischen Wien und Niederösterreich besser sein: Park-and-Ride-Parkplätze, Einkaufszentren, Bauland. Park-and-Ride-Anlagen sollte es nicht in Wien geben, da ist Bauland zu wertvoll, sondern in Wolkersdorf oder Hollabrunn.“

Einerseits gibt es positive Entwicklungen: Spar, der neue Woolworth. Andererseits öffnen ständig neue 1-Euro-Shops.

„Mir sind 1-Euro-Shops lieber als Leerstände. Aber natürlich wären mir qualitätsvolle Fachgeschäfte lieber. Mehr Auswahl bräuchten wir im Floridsdorfer Bezirkszentrum bei Bekleidung, Elektronik, Kinder. Zugegeben, das Bezirkszentrum hat als Einkaufsstandort stark verloren. Wir müssen aber auch vom Jammern wegkommen: Denn es gibt auch bereits viel, zumindest auf den zweiten Blick. Deshalb haben wir die Stadtteiltipps gemacht. Die Frequenz, die für Unternehmen wie Spar notwendig ist, ist sehr kleinräumig. Am Franz-Jonas-Platz wurrlt es, einen Block weiter bricht das radikal ab. Wien wächst wie blöd und das hat Auswirkungen. Die Großstadt kommt immer mehr in die einst gemütliche Vorstadt. Deshalb bezeichnen Investoren das Bezirkszentrum als Boom-Bezirk. Es ist etwas günstiger als der Durchschnitt in Wien, mit einem guten Potential!“

Wäre eine Verkehrsberuhigung rund um das Amtshaus sinnvoll?

„Ja. Aber man will die Autofahrer nicht verärgern. Es gibt Studien die zeigen, es wird mehr eingekauft, wenn das Tempo niedriger ist. Schnell fahren ist nicht gut für die lokale Wirtschaft!“

Was kann die Politik tun?

„Das Schwierige ist: Wir wissen noch nicht wie Wirtschaft, Arbeit und Mobilität in Zukunft aussehen werden. Die Leute kaufen ihre Kleider nicht mehr ums Eck, der Online-Handel spielt eine große Rolle. Wir müssen uns von der Vorstellung, wieder den Fürnkranz, etc zu bekommen, lösen. Vielleicht ist die Floridsdorfer Hauptstraße keine Einkaufsstraße mehr. Sie wird in Zukunft eine Straße mit einer Dichte an Nahversorgern sein, also Produkte für den täglichen Bedarf: Supermärkte, Drogerien, Wäschereien, Bandagisten. Was die Politik tun muss, sind Maßnahmen wie Sitzbänke oder Bäume, die die Aufenthaltsqualität verbessern.“

Warum lassen private Besitzer ihr Lokal oft jahrelang leer stehen?

„Frust. Aber es gibt mehrere Arten von Leerstand: Es gibt Häuser die vor dem Abbruch stehen, wie aktuell zwei am Beginn der Floridsdorfer Hauptstraße. Es gibt Lokale die zu klein oder sanierungsbedürftig sind – zum Beispiel die Trafik Ecke Prager Straße und Hermann-Bahr-Straße. Oft ist der Leerstand nur scheinbar, Geschäfte werden als Lager verwendet. Oder ein Übergangsleerstand, wie der zugesperrte BIPA im Lötsch-Hof. Es kann natürlich zu hohe Mieterwartungen geben: Gerade dafür gibt es einige Beispiele. Oder Besitzer ohne Konzept: Wie im Fall des Einkaufsspitz21.“

Lösungskonzepte?

„Es wäre wunderbar, wenn Eigentümer – auch in Floridsdorf, ihren Frust über Veränderungen in der Stadt überwinden und neue Konzepte versuchen. Die Gebietsbetreuung steht dafür gerne als erster Ansprechpartner zur Verfügung. Und Beratung bei uns ist gratis. Es gibt Förderungen der Wirtschaftsagentur, auch da helfen wir weiter. Und es gibt auch die ‘Kreativen Räume’, die mit uns Leerstände erheben und dann Vermieter und Interessenten vernetzen soll. Auch für Zwischennutzungen. Meine Botschaft an die Besitzer: Lassen Sie uns gemeinsam nachdenken!“ Interview: HANNES NEUMAYER

Stefan Ohmacht ist Raumplaner der GB*21.Kontakt: GB*21, 21., Matthäus-Jiszda-Straße 3/4/R, T: 01/27060 43, gb21@gbstern.at. Die GB* ist eine Serviceeinrichtung der Stadt Wien. Sie bietet Beratung zu Fragen des Wohnens, der Stadterneuerung und des Zusammenlebens in der Stadt. Bei der Gebietsbetreuung erhalten Sie gratis die Karte mit Grätzeltipps!