Großjedlersdorf – das versteckte Geheimnis

Großjedlersdorf – das versteckte Geheimnis

Geschichte und G’schichtln über Wien und seinen Wein von Stammersdorf bis Mauer erzählt BEPPO BEYERL in seinem Buch ‘Es wird a Wein sein – Streifzüge durch die Wiener Weindörfer’. Ein eigenes Kapitel widmet der Autor Großjedlersdorf – „einem versteckten Geheimnis”.

Das Weindorf Großjedlersdorf profitiert von einer günstigen Verkehrslösung: Früher war die Jedlersdorfer Straße eine Durchzugsstraße. Nun wird der Autoverkehr umgeleitet, die ehemalige Durchzugsstraße ist teilweise eine Einbahn und trennt sich in zwei Hälften: in die Amtsstraße und den Jedlersdorfer Platz, der trotz seiner großräumigen Namensgebung eher eine vom Verkehr befreite Straße ist. In der Mitte liegt als Dreh- und Angelpunkt der Bernreiterplatz, der drei wichtige Funktionen übernommen hat.

Für die Raumplaner ist er ein Rondeau mit einer Weinpresse, für die Autofahrer eine Parkmöglichkeit und für den Weinkundler eine zum richtigen Zeitpunkt auftauchende Verschnaufpause. Der Ort wurde erstmals 1108 als „Urliugesdorf“ erwähnt. Seine Achse, die heutige Amtsstraße, befand sich auf einer Insel zwischen mehreren Donauarmen und litt dementsprechend an den kontinuierlichen Überschwemmungen. Mit der Donauregulierung konnte sich die Siedlung stabilisieren. 1894 wurde die Gemeinde Jedlersdorf Floridsdorf angegliedert und 1904 in die Hauptstadt Wien eingemeindet.

Heute liegt Großjedlersdorf wie ein geheimes und intimes Versteck abseits der viel befahrenen Brünner Straße – eine Terra incognita. Selbst für manche hartgesottene Wiener wartet Großjedlersdorf auf die endgültige Entdeckung. Aber Vorsicht, wie damals bei den Indianern und den Europäern hängt jede Ent- deckung von der jeweiligen Perspektive ab. Und die schaut so aus. Durch den zurückgedrängten Verkehr, die Verbreiterung der Gehsteige und zusätzliche Baumpflanzungen schaffte man es, eine ruhige Oase in der belebten Großstadt zu erhalten.

Flankiert von den Hochhäusern der Mitterhofersiedlung, hier meist als Klein Manhattan bezeichnet, vom schnell fließenden Verkehr auf der Brünner Straße und einem modernen Schulkomplex, löste sich ein weiches Areal von den harten Flanken: Das Tempo wird herausgenommen, der Rhythmus ist reduziert, der sogenannte Lauf der Dinge erhält die Richtung ins Wesentliche.

Zwischen Amtsstraße & Jedlersdorfer Platz

Bei den Buschenschänken in Großjedlersdorf kann man offenen Auges die zwei gängigen Heurigentypen unterscheiden. Einerseits gibt es den herkömmlichen Heurigen: kleines Gartl, Weinlaube oder Schatten spendender Baum, aufklappbare Holz- oder Plastiktische, das Steckglasl auf dem Tisch, üppiger Blumenschmuck in Trögen, Rädern, Reifen, alte Ortsmotive hängen im Rahmen.

Beim zweiten Heurigentypus bemerkt man die Handschrift des Designers: die Gestaltung des Gartens mit eher minimalistischer Anordnung der Pflanzen, aber einem kühnen Zusammenspiel der Materialien Holz, Glas und Stein. Die grafischen Entwürfe für Speisekarte und Flaschenetikette sowie die Möblierung des Schankraums sind harmonisch aufeinander abgestimmt, wie aus einem Guss. Der gute Wein benötigt eine ihm entsprechende Architektur sowie eine geeignete Bühne, um sich adäquat entfalten zu können. Diese modernen Weinlokale werden nachmittags von den Pensionisten des nahen Heims besucht, des Abends schaut der Hackler vom Grund genauso vorbei wie der klassenbewusste Bobo. Bestellen kann der Hackler den einfachen Heurigen oder den Gemischten, beide liegen preislich auf dem üblichen Niveau.

Und am Nachbartisch ordert einer einen Vollmondwein, barock und muskulös mit Eukalyptusanklängen, um 17 Euro, oder den Weißburgunder Falkenberg um 32 Euro. Heute sind nur mehr sechs Buschenschänken übrig geblieben. Ihre Öffnungszeiten haben sie aufeinander abgestimmt. Die Hälfte der Betriebe befindet sich in der Amtsstraße, die andere Hälfte am Jedlersdorfer Platz.

Dort gibt es zum Beispiel den Peter Binder. Als ein gewisser Andy Borg seine ‘Musikantenstadl’-Aktivitäten fern von Jedlersdorf betrieb, bekundete er in einem Interview mit der ‘Kronen-Zeitung’, er vermisse Wien und das Backhendl vom ‘Binder Peta’. Heute wird er wieder beim ‘Binder Peta’ gesichtet …

Rainer Christ: Der Wein mit dem Fingerprint des Terroirs

Rainer Christ. Bild: Weingut Christ/Verlag Winkler Hemaden.
Rainer Christ. Bild: Weingut Christ/Verlag Winkler Hemaden.

Der Standort Christ ist seit etwa 400 Jahren nachweisbar, ursprünglich führte man hier wie die Bauern in der Nachbarschaft eine gemischte Wirtschaft. Erst Vater Franz Christ begann Ende der 1970er-Jahre mit der Spezialisierung auf Weinbau inklusive angeschlossenem Buschenschank. Rainer Christ wiederum spezialisierte sich auf den Gemischten Satz, an dem er Jahr für Jahr tüftelt und experimentiert. Wir setzen uns an einen Tisch im Schankraum. „Für mich ist der Gemischte Satz der regionalste Wein, den man machen kann. Nicht der Charakter der jeweiligen Rebsorte, sondern jener der Anbaufläche steht dabei im Vordergrund“, sagt Rainer Christ, wobei er bis zu neun verschiedene Rebsorten für den Gemischten verwendet.

Als Tüftler nimmt er Rebsorten mit verschiedenen Reifegraden. Die einen liefern die reiferen Noten, die anderen eine gewisse Frische und Eleganz. „Denn“, so Christ, „das spiegelt die verschiedenen Facetten des Bodens wider, und diese Mischung ergibt einen genauen Fingerprint des Terroirs.“ Als Folge des Klimawandels änderten in den letzten Jahren die Winzer ihre Gewohnheiten.

Rainer Christ: „Da wir viele Weingärten in den höheren Lagen am Bisamberg haben, können wir uns mit der Lese Zeit lassen, um eine optimale Reife vorzufinden.“ „Im Keller herrscht übrigens Gravitation!“ – „Aha?“, frage ich. „Wie geht das?“ – „Also ein Christ pumpt nicht!“ Schön, diesen netten Satz werde ich meiner privaten Zitatensammlung einverleiben. „Und was macht ein Christ?“ – „Das gesamte Traubenmaterial wird mithilfe von Schwerkraft weitertransportiert. Und fünf verschiedene Klimazonen sorgen für die optimalen Reifebedingungen!“

Wenn Sie also ein Glaserl ‘Bisamberger’ trinken wollen, dann kennen Sie ja jetzt das christliche Ziel. Zu den traditionellen Räumen des Buschenschanks gibt es in den warmen

Rainer Christ (links) und sein Urgroßvater Josef Christ im Frühjahr 1943.  Bild: Christ/Verlag Winkler Hemaden.
Rainer Christ (links) und sein Urgroßvater Josef Christ im Frühjahr 1943. Bild: Christ/Verlag Winkler Hemaden.

Monaten den Garten. Mit ein paar Schritten sind wir draußen. Achtung, der Rebstock aus den frühen 1950er-Jahren deckt im Sommer den Garten wie ein Dach ab. Zusätzlich ist eine moderne Vinothek eingebaut mit markanten Schnittstellen zwischen dem alten und dem neuen Bereich. Die Christ-Weine werden übrigens zu 25 Prozent im Haus (Heurigen) verkauft, zu 75 Prozent außer Haus (hauptsächlich in Österreich) und in 21 Ländern.

Weinkenner können also in 21 verschiedenen Ländern über den Lauf der sogenannten Dinge und über die Richtung ins Wesentliche grübeln. Anmerkung: Gekürzter Text – die Langfassung finden Sie in Beppo Beyerls Buch.

Es wird a Wein sein – Streifzüge durch die Wiener Weindörfer

Beppo Beyerl hat sich auf Wanderschaft begeben, diesmal ging’s auf die sanften Hügel an der Peripherie Wiens. Ziel: die Wiener Weindörfer. Der Zweck der Übung: alles zu erfahren über die Geschichte der Weindörfer, über den Wiener Wein und seine Winzer. Seine Touren begann er jenseits der Donau in Stammersdorf (beim Wieninger), in Strebersdorf (beim Strauch) und in Großjedlersdorf (bei Rainer Christ). Er erklomm die Hänge des Bisambergs und erfuhr, wie wichtig eine Straßenbahnlinie für einen Weinort ist. In Nußdorf schlüpfte er beim Hintereingang zum Heurigen Kierlinger rein, in Heiligenstadt gab’s beim Mayer am Pfarrplatz eine Überdosis Beethoven, er wanderte bis zum Weingut Cobenzl und war in Sievering, Neustift, Mauer … Es wird a Wein sein. Streifzüge durch die Wiener Weindörfer. Von Beppo Beyerl. € 19,90 – erhältlich im Buchhandel. ISBN: 978-39504383-7-6.

[caption id="attachment_12738" align="alignnone" width="874"]Buchcover. Bild: Verlag Winkler Hemaden. Buchcover. Bild: Verlag Winkler Hemaden.[/caption]