Kampf um jeden Baum

Klimawandel: Aufregung um Baumfällungen und Nachplanzungen / Mehr Transparenz gefordert.

2020 wird es auch in Floridsdorf viele Maßnahmen im Zeichen des Klimawandels geben: eine ‘coole’ Franklinmeile, ein ‘Airship’ am Schlingermarkt, Reaktivierung von stillgelegten Brunnen und neue Baumpflanzungen stehen am Programm. Andererseits: Die Fällung von alten großen und vermeintlich gesunden Bäumen sorgt in den letzten Wochen immer öfter für Aufregung im 21. Bezirk.

Die gesamte Bauphase eines Supermarktes hat am Haspingerplatz eine Trauerweide gut eingepackt überlebt, dann war sie plötzlich weg: „Gefällt, zugunsten von ein paar Parkplätzen vor einem neu erbauten Markt. Der Baum war sicherlich nicht krank, er hatte bis zuletzt grüne Blätter – wir sind alle zutiefst betroffen”, so Anrainer Franz L..

Baum an der Prager Straße vor der Fällung. Bild: Privat.
Baum an der Prager Straße vor der Fällung. Bild: Privat.

Zuletzt sorgte die Fällung einer alten Ulme mit einem Durchmesser von beinahe zwei Metern am Parkplatz des Eurospars an der Prager Straße für Ärger (Bild oben). Auch hier meinten viele, der Baum wäre gesund. Spar sagt: „Die Begutachtung des Baumes erfolgte durch einen Amtssachverständigen der MA 42. Dieser hat festgestellt, dass der Baum eine Gefahr für Leib und Leben ist.” Nach Umbau der Filiale (2020/21) gibt es eine Ersatzpflanzung.

 

Gabriele Tupy von den Bezirks-Grünen, macht das skeptisch: „Äußerlich sind keine Schäden zu sehen. Leider werden immer öfter Bäume gefällt, weil vielleicht ein Ast morsch ist. Ich mache mir Sorgen um Beurteilungen der Sachverständigen der Stadt Wien. Die Ulme war angeblich laut einer Anrainerin sogar 300 Jahre alt!” Baumgutachten werden in Wien von zertifizierten Amtssachverständigen durchgeführt, so die Wiener Stadtgärten (MA42).

Fakt ist, dass aufgrund einiger Urteile Besitzer und auch die Stadt Wien Angst haben, bei Unfällen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Vor wenigen Jahren wurde an der Alten Donau ein Jogger von einem herabfallenden Ast getötet. Der Eindruck entsteht: Im Zweifel wird ein Baum derzeit eher gefällt, als stehen gelassen. Dem widerspricht die MA42: Es gäbe in Wien nun mal sehr viele ältere Bäume, oft auch Arten, die das heiße Wetter der letzten Jahre schlecht vertragen.

Bezirksvorsteher Georg Papai verweist darauf, dass 2018 122 neue Bäume im und auf Kosten des Bezirks gepflanzt wurden: „2019 sogar 170 Bäume!” Die MA42 spricht von insgesamt 345 Baumpflanzungen 2019: „2020 werden in Floridsdorf voraussichtlich 600 Bäume gepflanzt!” Damit soll auch der Rückstand bei Nachpflanzungen aufgeholt sein.

Grundsätzlich sind alle Bäume im öffentlichen Raum auch über den Baumkataster online abrufbar. Schwierig macht eine Gesamtschau aller gepflanzten bzw. entfernten Bäume, dass auch das Forstamt (MA49) und andere Behörden zuständig sind. Und dann gibt es auch noch Bäume in privaten Gärten. Und natürlich Wälder.

Baumfällungen (ausgenommen Obstbäume) laufen mittels Bescheid über das Magistratische Bezirksamt. Im Jahr 2019 wurde die Fällung von 1.779 Bäumen im 21. Bezirk genehmigt. Mit wenigen Ausnahmen werden Ersatzpflanzungen vorgeschrieben. Direkt vergleichbar sind die genannten Zahlen von Pflanzungen und Fällungen NICHT.

FPÖ-Vize-Bezirksvorsteher Karl Mareda fordert „mehr Transparenz bei Baumfällung und Nachpflanzung!” Denn zu vermuten ist: Mehr Bäume werden gefällt als nachgepflanzt. Sind die neuen Bäume auch noch kleiner als die entfernten, wäre das kein guter Klima-Deal. Mareda: „Da es auch 2017, 2018 und 2019 zu Rückständen bei Baumpflanzungen gekommen ist, werden wir in der nächsten Bezirksvertretungssitzung eine diesbezügliche neue Liste einfordern.” Ein Datenregister mit einer aktuellen Übersicht aller genehmigten Baumbeseitigungen und deren verordneten Ersatzpflanzungen mit Standortangabe, Zeitfenster und tatsächlich erfolgter Ersatzpflanzung wäre die Ideallösung.

Auch bei den Arten hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges geändert. Viele früher gesetzte Baumarten vertragen das wärmere Klima ohne zusätzliche Bewässerung nicht. Deshalb werden jetzt oft Acer (Ahorn), Carpinus (Hainbuche), Pyrus (Zierbirne), Celtis (Zürgelbaum) und Platanus (Platane) gepflanzt.

Baum auf der Donaunsel. Bild: DFZ.
Baum auf der Donaunsel. Bild: DFZ.

Ein weiteres Problem: Leider sind die Nachpflanzungen meist sehr kleine Bäume. Bis die Bäume am Pius-Parsch-Platz Schatten spenden, werden noch viele Jahre vergehen. Werden wie in Stammersdorf, oder neben dem Friedhof Jedlersdorf, ganze Jungwälder gesetzt, sind das Mini-Bäume, manchmal sogar nur Sträucher. Ohne künstliche Bewässerung haben sie in einem Hitze-Sommer immer weniger Überlebenschancen. Das kann man beim Kirschenhain auf der Donauinsel beobachten: Von den 14 neu gesetzten Bäumen wirkten schon letzten August viele mehr tot als lebendig (Bild unten). Deshalb müssen, wie zuletzt im Mengergassenviertel (zehn neue Bäume in der Ostmarkgasse), immer öfter teure Bewässerungsanlagen bei Baumpflanzungen mit installiert werden (über 10.000 Euro/Baum).

Obstbäume dürfen gefällt werden

In Zeiten des Klimawandels ist es unverständlich, dass Obstbäume nicht unter das sonst sehr strenge Baumschutzgesetz fallen: Sie dürfen jederzeit gefällt und dementsprechend leider nicht als Ersatzpflanzung gesetzt werden. Auf produktionsbedingte Notwendigkeiten verweist man im Büro von Umweltstadträtin Uli Sima: „Es soll nämlich möglich sein, die Obstbäume bei nachlassendem Ertrag rasch zu entfernen.”

Im Rahmen des Wiener Arten- und Lebensraumschutzprogrammes ‘Netzwerk Natur’, das dem Schutz, der Pflege und der Förderung seltener Tier- und Pflanzenarten sowie naturnaher Lebensräume dient, wurden Obstbaumalleen gepflanzt oder eine Fallobstwiese auf dem Dach des unterirdischen Speicherbeckens ‘Gelbe Haide’ in Liesing ist geplant. -Hannes Neumayer