Markt: Geben Traditionsbetriebe auf?

Markt: Geben Traditionsbetriebe auf?
Seit 1. Oktober gilt in Wien die neue Marktordnung. Wichtigster Punkt: Die Kernöffnungszeiten Dienstag bis Freitag, von 15 bis 18 Uhr. Der Floridsdorfer Markt spielt dabei kurz das gallische Dorf: Von 24 Ständen hatten in Woche 1 wohlwollend betrachtet zehn geöffnet.

Während die Blumenecke mit Sektempfang die neue Marktordnung feierte, ließ man bei Neumeister, Andreas Traxler & Co
demonstrativ geschlossen. Doch in Woche 3 sah das Bild schon anders aus: Alle Stände die grundsätzlich geöffnet haben, hielten sich an die Marktordnung. Grund: Wer dreimal gegen die verordneten Öffnungszeiten verstößt, dem droht der finale Entzug der Marktlizenz. Und das wird mittlerweile streng kontrolliert.

Floridsdorfer Markt: Standler wollen vor Gericht gehen

Was nicht heißt, dass die Standler den Kampf aufgeben. Peter Neumeister vom Obst- und Gemüse-Geschäft: „Wir stellen einen Individualantrag beim Verfassungsgerichtshof und wollen so Rechtssicherheit schaffen.” Der Antrag ist noch nicht eingebracht. Aktuell wird versucht, das nötige Geld für einen Prozess aufzutreiben. Für Neumeister (Bild unten)ist stellvertretend für mehrere Betreiber am Schlingermarkt klar: „Ich lasse mir meine Arbeitszeit nicht vorschreiben – wir sind ja nicht in einer Diktatur!” Seit 1964 betreibt seine Familie den Obst- & Gemüsehandel am Markt, doch am 8. Jänner könnte für immer Schluss sein: „Dann gehen wir auf Urlaub. Ob wir danach komplett schließen oder eingeschränkt öffnen – ich weiß es nicht …”
Von einer Steigerung der Kundenfrequenz durch die zusätzlichen zwölf Stunden am Nachmittag kann zum Beispiel Traxler nichts merken: „Die Kundschaft verteilt sich jetzt, aber ich verdiene gleich viel wie früher, arbeite aber mehr. Mein Tipp an die Politiker: Macht’s mal eine Woche meinen Job.”
Es gibt aber auch genug Standbetreiber, die die Öffnungszeiten begrüßen, wie Norbert Miehl von der Blumenecke: „Das ist unsere einzige Rettung am Schlingermarkt.” Auf den aktuell nur noch 4000 Besucher pro Woche kommen. Bei der Fleischerei Wild hält man sich an die Öffnungszeitung und beobachtet die Umsätze genau.
Beim Marktamt freut man sich, dass sich fast alle an die neuen Öffnungszeiten halten, es soll eine breite Werbekampagne für die Märkte geben. MA59-Sprecher Alexander Hengl: „Jetzt muss sich nur herumsprechen: Die meisten haben offen!” An den Kragen gehen wird es jenen wenigen komplett beratungsresistenten Standbetreibern, die am Markt nur produzieren. Sie müssen in Kürze mit Strafen rechnen. Aktuell werden übrigens mindestens sechs Stände zum Verkauf angeboten – teils günstig, teils komplett überteuert.
2019 werden übrigens der Müllplatz und die WC-Anlage saniert, auf der Brünner Straße wird es ein ‘Eingangstor’ zum Markt geben. Bezirksvorsteher Georg Papai: „Die Stadt investiert 600.000 Euro. Wir brauchen Standler mit einem Schwerpunkt Verkauf und nicht Zustellung oder Produktion. Wer um 13 Uhr schließt, darf sich nicht wundern, wenn nur Pensionisten kommen!”
Ganz schlimm getroffen hat die Gastrobetriebe am Markt das Rauchverbot. Sie haben sich daran gehalten und bis zu 90 Prozent ihrer Kunden an die umliegende Konkurrenz im Schlinger- und Lötschhof verloren
. -Hannes Neumayer