Moritz auf den Spuren von Schubert

Moritz auf den Spuren von Schubert

Mit erst 12 Jahren ist Moritz bereits ein alter Hase. Zumindest in der Musikwelt. Denn als Mitglied der weltberühmten Wiener Sängerknaben bereist der junge Floridsdorfer die ganze Welt. Ein Portrait.

In wenigen Wochen starten die Sängerknaben ihre Tournee nach Japan. Für Moritz das nächste Highlight nach China, Hongkong, Taiwan und den USA. Der Weg zum weltweit umjubelten Jungstar unter insgesamt 100 Sängerknaben zwischen neun und vierzehn Jahren ist ein langer und anstrengender. Moritz hat bereits die Volksschule im Augarten besucht und wurde anschließend in die Musikschule der Sängerknaben übernommen: „Wir haben nicht Semester, sondern Trimester. In zwei Trimestern lernen wir Unterrichtsstoff, im dritten gehen wir auf Tournee.” Ein normaler Sängerknaben Schultag beginnt um 7.30 Uhr und endet um 18 Uhr. Unterbrochen von zwei Stunden Probe und 90 Minuten Freizeit, „in der es aber oft Nachproben auch für Solopartien gibt”, wie Moritz routiniert erzählt.

Echte Freizeit bleibt da kaum, und wenn stehen Basketball oder Tischtennis am Programm. Und natürlich Musik hören. Was Moritz gefällt? „Justin Timberlake, Katy Perry, Ed Sheeran oder Coldplay.” Wer jetzt aber glaubt, der junge Mann träumt von der Pop-Karriere, hat sich getäuscht. Als Karriereziel nennt er Opernsänger oder Sänger in Kammerkonzerten: „Aber auch Medizin finde ich spannend.”

 Moritz bei der Probe für die "Zauberflöte" in der Wiener Staatsoper. Fotos: Lukas Beck.
Moritz bei der Probe für die „Zauberflöte“ in der Wiener Staatsoper.
Fotos: Lukas Beck.

Zunächst geht es aber nach Japan, wo er auch Franz Schuberts Forelle singen wird. Übrigens: Schubert war ebenfalls Sängerknabe. Speziell für Moritz Mutter Renata, eine ehemalige Ballettänzerin, ein besonderes Ereignis: „Moritz war schon vor seiner Geburt mit mir in Konzerten. Später habe ich ihm immer Schuberts Forelle vorgesungen! Deshalb fliege ich auch nach Japan, um dabei zu sein.”

Moritz singt aktuell gerade sein zweites Trimester im Haydn-Chor, einer von vier Chören der Sängerknaben. In der Saison 2017/18 singen 23 Knaben im Haydnchor. Die Zusammensetzung ist bunt: Haydnchörler kommen aus Wien, Niederösterreich, der Steiermark und dem Burgenland, aus Afghanistan, Indien, Japan, Rumänien, Syrien, Ungarn und den USA. Der Herr Kapellmeister kommt mit Jimmy Chiang aus Hongkong. Man spricht und singt in einer ganzen Reihe von Sprachen. Österreichische Sängerknaben sind mittlerweile in der Minderzahl im traditionsreichen Chor. Spätestens seit dem 14. Jahrhundert sangen Knaben an den Höfen der Habsburger; der älteste Hinweis auf einen Knabenchor in der Hofburgkapelle datiert auf das Jahr 1296. Jeder der Chöre verbringt neun bis elf Wochen des Schuljahres auf Tournee. Zusammen absolvieren die Chöre jährlich rund 300 Auftritte vor fast einer halben Million Zuschauern.

In Wien pflegen sie gemeinsam mit Mitgliedern der Wiener Philharmoniker und des Wiener Staatsopernchores als Hofmusikkapelle eine kaiserliche Tradition: seit 1498 musizieren sie regelmäßig in der Hofburgkapelle. Seit 2012 haben die Wiener Sängerknaben einen eigenen Konzertsaal: Das ‘MuTh’ ist inzwischen in der Wiener Kulturszene fest etabliert. Das Repertoire der Wiener Sängerknaben reicht vom Mittelalter bis zu zeitgenössischer Musik. Während der Japan-Tournee wird lateinisch, deutsch, japanisch, russisch, usbekisch und chinesisch gesungen.

Wer selbst einen talentierten Sohn daheim hat, kann den übrigens im Sommer zum Vorsingen schicken. „Das Wichtigste ist, dass die Kinder Begeisterung mitbringen und gerne in der Gruppe singen. Singen macht schon alleine glücklich, in der Gruppe ist es wie mit Glücksgefühlen im Sport. Und es kurbelt die Konzentration und Gehirnfunktionen an”, erzählt Dr. Tina Breckwoldt, PR-Verantwortliche der Wiener Sängerknaben.

Die Eltern sind natürlich stolz auf ihren ‚Nachzügler‘, bezeichnen sich aber „sicher nicht als die klassischen Eislaufeltern. Wir versuchen Moritz zu fördern und zu unterstützen. Er entscheidet aber selbst.” Für die Eltern heißt das auch oft Chauffeur für den Nachwuchsstar zu spielen. Denn für den 12-jährigen gehören nicht nur Auftritte in der Wiener Hofburg und der New Yorker Carnegie Hall zur Routine, er tritt regelmäßig auch als Solosänger bei Konzerten ‘seines’ Haydn-Chores auf und singt zum Beispiel aktuell die Partie des ersten der ‘Drei Knaben’ in Mozarts Zauberflöte in der Staatsoper und in der Volksoper.

Haydn-Chor der Wiener Sängerknaben auf der Prachtstiege im Augarten-Palais. Bild: Lukas Beck.
Haydn-Chor der
Wiener Sängerknaben auf der Prachtstiege im Augarten-Palais.
Bild: Lukas Beck.

Vater Richard: „Moritz ist sonst eher zurückhaltend, aber da merkt man, dass er das Bühnen-Gen hat.” Sängerknabe zu sein, bedeutet auch rascher erwachsen zu werden als Gleichaltrige, Disziplin spielt eine große Rolle. Durch die Internatsschule reduziert sich der Kontakt zu den Eltern auf die Wochenenden, selbst in den Ferien gibt es ein Monat Sommercamp. Moritz: „Am Beginn war das eine Umstellung nach der Volksschule. Aber mittlerweile habe ich auch kein Heimweh mehr.”

Derzeit besucht Moritz die dritte Klasse des Oberstufen Gymnasiums, für viele seiner Mitspieler eine schwierige Zeit: „Viele haben Angst davor, in den Stimmbruch zu kommen. Ich nicht.” Der Stimmbruch bedeutet zwar nicht das Ende als Sängerknabe, denn dank der Stimmschulung gelingt es den Knaben, bis zur Vollendung der vierten Klasse im Chor mitzusingen. Sie verstärken dann die unteren Stimmlagen. Musikalisch werden sie ab dem Stimmbruch als ‚Mutanten‘ bezeichnet. Für Moritz soll es nicht das Ende als Sänger sein: „Ich spiele ja jetzt auch in der Zauberflöte, also wäre die Rolle des Papageno später schon ein Traum!”

Nächstes Vorsingen bei den Sängerknaben im Sommer 2018 (individuelle Termine sind jederzeit möglich). Informationen unter: 01/216 39 42 und 1/216 39 42 44. http://www.wienersaengerknaben.at/