Von ‘Koksstierlern’ und Häusern aus Bauschutt …

Von ‘Koksstierlern’ und Häusern aus Bauschutt …

Für die CD “StadtFlanerien hat Willi Resetarits über seinen geschichtsträchtigen Wohnort Bruckhaufen erzählt.

Den ‘Ostbahn-Kurti’ würden viele in Simmering verorten. Der Darsteller der Kunstfigur, Willi Resetarits, war und ist wieder ein Floridsdorfer. Genauer, ein Bruckhaufener. Für die Hörbuch-CD ‘StadtFLANERIEN: Floridsdorf – ein Streifzug durch den 21. Bezirk’ hat Resetarits mit CAROLA TIMMEL geplaudert.

In einer historisch äußerst interessanten Gegend von Floridsdorf wuchs Willi Resetarits auf: Am sogenannten Bruckhaufen. Ein Gebiet zwischen nördlicher Arbeiterstrandbadstraße und Donauturmstraße.

Resetarits: „Der Bruckhaufen war ja sozusagen ‘cisdanubial’. Rein von der Donau her war der Hauptstrom bis 1875 ja die heutige Alte Donau und die Bezirksgrenzen sind dann aber auch so geblieben, dass der Bruckhaufen zur Leopoldstadt gehört hat. Und erst unter den Nazis hat man den Bruckhaufen zu Floridsdorf geschlagen. Und das ist dann nach dem zweiten Krieg geblieben.”

Aber was bedeutet eigentlich Bruckhaufen? Die Bezeichnung bedeutet so viel wie ‘Insel an der Brücke’ und geht damit weit in die Zeit vor der Donauregulierung zurück. Inseln in der unregulierten Donau wurden als Haufen bezeichnet.

Resetarits: „Das hat auch zu tun mit dem Ort Zwischenbrücken, der auf der Donauwiese bei der Floridsdorfer Brücke war. Haufen sind Schwemminseln in der Donau, die sich nach jedem Jahrhunderthochwasser neu gebildet haben. Und da waren etliche Haufen zwischen Brigittenauer Brücke und Floridsdorfer Brücke. Zwischenbrücken hat da angefangen, wo jetzt der 20. Bezirk ist. Und der Bruckhaufen ging dann weiter bis in das heutige Gebiet. Und da durch wurde – trocken – das neue Donaubett – gegraben. Das war 1870 bis 1875.

Den Ort Zwischenbrücken gibt es so nicht mehr. Aber man nennt die Gegend um den Milleniumtower noch Zwischenbrücken. Aber der Hauport war auf der Donauinsel unter der Floridsdorfer Brücke. Das heißt, zwischen dem ersten Bezirk, über mehrere Inseln, war vor vielen Jahrhunderten die erste Straße über die Donau. Davor gab es nur Fährbetrieb. Weil da so viele Schwemminseln, als Haufen, waren, dass man nur kurze ‘Brückerl’ gebraucht hat, um bis nach Floridsdorf Am Spitz zu gelangen.”

Was eher unbekannt ist: Auf dem Terrain wurde in großen Mengen Müll deponiert. Zunächst deponierte ab 1880 das Gaswerk Zwischenbrücken Koks auf dem Bruckhaufen. Ab 1892 lagerten auch private Transportgesellschaften Müll auf dem Areal ab. Sogenannte Mistbauern sammelten den Mist in der Stadt und brachten ihn mit pferdebespannten Fuhrwerken auf den Bruckhaufen.

Resetarits: „Da hat man die noch heiße Schlacke, in der noch viel guter Koks war, deponiert. Ohne zu wissen, dass man mit einem Koksofen heizen kann. Später sind dann Müllbergwerke entstanden. Es gibt heute noch Gewölbe, wo man Koks ‘begert’ hat. Der Begriff heißt ‘begern’. Das waren die Kosbegerer.”

Diese Koksbegerer oder ‘Koksstierler’ suchten in den Müllbergen verwertbare Abfälle wie Glas, Alteisen und eben auch Koks. Aber auch Kinder mussten in wirtschaftlich schlechten Zeiten begern, um Geld zu verdienen. Auch das Interview findet auf acht Meter hohem Müll statt, wie Willi Resetarits im Gespräch erzählt. Das war Müll aus der Zeit vor den Weltkriegen und danach. Dann wurde das Areal planiert und später parzelliert. Aber zunächst nur für Grabeland und Gemüseanbau. Häuser bauen war verboten.

Resetarits: „Alle haben illegal gebaut. Da gibt es wunderbare Geschichten. Mir gefällt gut die Geschichte, wo der Mann gebaut hat. Es war ja ein Vorteil, dass hier auch so viel Bauschutt deponiert wurde. So hat man sich die Ziegel aus dem Bauschutt geholt und hat keine Ziegel kaufen müssen. Die ganzen alten Häuser sind aus Bauschuttziegeln gemacht. Und heute macht man das wieder so. Aber das war damals verboten.

Und wenn die Behörde gekommen ist, dann ist meistens die Frau ins Gefängnis mitgegangen, damit der Mann weiterbauen kann. 1939 wurde dann im Bruckhaufen legalisiert. Im benachbarten Brettldorf, das vor der Deponierung ‘unten’ lag, weil es mit acht Meter Müll zugeschüttet ist auf dem Gebiet des Donauparks, hat man abgesiedelt. Und bei uns im Bruckhaufen hat man legalisiert, da war ich noch nicht auf der Welt. Aber man kann, wenn man ein bisschen tiefer grabt, sehr viel alte Hendlknochen und hauptsächlich Keramik finden. Da könnte man sich ein schönes Service zusammenstellen, wenn man die Scherben zusammenpickt …”

Aber nicht nur am Bruckhaufen bewegte sich Willi Resetarits in seiner Kinder- und Jugendzeit.

Resetarits: „Am Ragplatz haben mein ein bisschen älterer Bruder und ich gekickt. Rag war eine Firma, die mit der sowjetischen Erdölverwertung zu tun gehabt hat. Das war Teil der Reparation nach dem zweiten Krieg. Und die hatten einen Fußballplatz, wo der FAC gespielt hat. Weil man auf den alten FAC-Platz in Jedlesee eine Kirche gebaut hat. Auf dem Platz in der Hopfengasse hat die Admira gespielt. Erst als die Admira in die Südstadt übersiedelt ist, hat der FAC den Platz in der Hopfengasse übernommen.“

 

CD StadtFlanerien.
CD StadtFlanerien.

StadtFLANERIEN: Floridsdorf

Mit dem vorliegenden Hörbuch lädt die Autorin Carola Timmel auf eine akustische Wanderung durch den 21. Bezirk. Floridsdorf, im Wien-Vergleich der grünste, zweitgrößte und drittbevölkertste Bezirk, ist durch die Zusammenlegung von Dörfern entstanden. Exzellente Verkehrsanschlüsse begünstigten die Ansiedlung von Fabriken sowie eine rasche Siedlungsentwicklung, die bis heute anhält. Die StadtFlanerie durch Floridsdorf führt zur Brauerei Mautner-Markhof, zu Lokomotiven und Automobilen, zum Schatz Monte Bisamo, zu Mohnbienchen und Raritäten, zu Schnittpunkten im Bezirk, von spießig und doch irgendwie cool, von Schwemminseln zum Bruckhaufen und im Fußball zu Hofturnieren und Profivereinen. Persönliche Interviews mit Christiane Schönborn-Buchheim, Hans Hautmann, Peter Ullreich, Heinz Wiesbauer, Ruth Schleicher, Stefan Redelsteiner, Willi Resetarits und Peter Pacult zeigen ein facettenreiches Floridsdorf, musikalisch untermalt von Willi Resetarits, Ernst Molden, Harri Stojka, Der Nino aus Wien und die 16-er Buam. Infos: www.stadtflanerien.at – Preis: 12 Euro.