Was läuft verkehrt beim Verkehr in Floridsdorf?

Was läuft verkehrt beim Verkehr in Floridsdorf?

Anfang Okotober fand in Wien ein erster Verkehrsgipfel statt: Vereinfachung der Parkraumbewirtschaftung, der S-Bahn-Ausbau sowie die umstrittene Citymaut wurden am runden Tisch erörtert. Wir haben uns angesehen: Was funktioniert in Floridsdorf und was weniger? Eine kritische Bestandsaufnahme von DFZ-Chefredakteur Hannes Neumayer.

Die Öffis.

Zuletzt brachte eine Studie der Arbeiterkammer die Situation bezüglich Öffis in Außenbezirken treffend auf den Punkt: Das Netz ist weniger dicht, die Intervalle länger als jenseits der Donau in ‘der Stadt’: „83,7 % verfügen über eine gute ÖV-Erschließung, rund 300.000 Einwohner (16,1 %) über eine schlechte. 4.360 Einwohner sind mit dem öffentlichen Verkehr gar nicht erschlossen.” In den letzten Jahren kam es sowohl bei Arbeits- wie Privatwegen zu einer intensiveren Verflechtung zwischen 21. und 22. Bezirk – wie die Grafik der Arbeiterkammer eindrucksvoll zeigt.

Grafik: AK.
Grafik: AK.

Die AK-Forderungen: Das Bus-Netz straffen und nicht durch jede Gasse führen; eine neue Straßenbahn, den 27er, von Strebersdorf über Frauenstiftgasse in den 22. Bezirk, Stärkung der S-Bahn und eine Außentangentiale von Strebersdorf über Stammersdorf zur U1 nach Leopoldau. Die Wiener Linien sehen etwa den 31er weniger problematisch und wünschen sich maximal gestaffelte Schulbeginnzeiten am Morgen – dann gäbe es auch keine überfüllten Verkehrsmittel, so deren Experte vor einiger Zeit zur DFZ. In Floridsdorf wurde eine Arbeitsgruppe ‘Öffis’ unter Leitung von Josef Fischer (SPÖ) eingerichtet: „Wir diskutieren mit den Wiener Linien Verbesserungen, wie zum Beispiel beim 32A.”

Wird Floridsdorf benachteiligt?

Für das Vorzeigeprojekt Seestadt wurde die U2 verlängert. Für das mindestens halb so große Projekt ‘Donaufeld’ wird die Streckenführung eines Busses geändert, vielleicht gibt es eine neue Straßenbahn. Aber eigentlich ist für eine neue Bim auf der Donaufelder Straße und am Jonas-Platz kein Platz mehr. Die neue U5 wird quer durch ohnehin gut angebundes Gebiet in der City gebaut, aber die …

…U6-Verlängerung?

Wird seit 40 Jahren diskutiert, aber wird es vor 2035 definitiv nicht geben. U5 statt U6-Verlängerung war eine politische Entscheidung. Faktenbasiert (Wiener-Linien-Argument: an der Brünner Straße wohnen zu wenig Menschen für eine U-Bahn) ist das spätestens seit den Neubauten hinter dem Heeresspital und an der rechten Stammersdorfer Straße nicht mehr. Es wird immer deutlicher: „Die Achse Brünner Straße ist jetzt schon stark verbaut und der Schwachpunkt im Bezirk: Von einer U6 bis auf den Rendezvousberg würden nicht nur Jedlersdorfer und Stammersdorfer profitieren, sondern auch das niederösterreichische Umfeld”, sagt etwa FPÖ-Vize-Bezirksvorsteher Karl Mareda. Am besten mit einer gratis Park-&-Ride-Anlage an der Stadtgrenze.

Typisches Bild bei der Unterführung  Schloßhofer Straße: Warten auf die Straßenbahn. Bild: Fotostudio Vodicka.
Typisches Bild bei der Unterführung
Schloßhofer Straße: Warten auf die Straßenbahn. Bild: Fotostudio Vodicka.

Verkehrskonzept?

Fragen nach einem Verkehrskonzept für Transdanubien, also Floridsdorf und Donaustadt, hört man in der Stadt Wien wenig gern. Denn es gibt keines. Meist werden dann Nordostumfahrung und Lobautunnel genannt. Die mögen für den 22. Bezirk wichtig sein, warum wir in Floridsdorf davon profitieren sollten? Bezirksvorsteher Georg Papai (SPÖ) erklärt: „Schon nach dem Bau der S1 haben wir eine deutliche Entlastung beim Lkw-Verkehr im Bezirk bemerkt.”

Bessere Straßen für ein besseres Leben?

Einst prangte dieser Spruch in einem Ministerium. Autofreaks werden jetzt von den Planungen der 60er Jahre träumen: Eine Autobahnverlängerung vom heutigen Trillerpark durch oder unter der Amtsstraße, am Heeresspital vorbei nach Niederösterreich. Oder Autostraßen nördlich und südlich der Brigittenauer Brücke. Während die Donauuferautobahn die Prager Straße entlastet, fehlt das entlang der Brünner Straße. Die vielen geplanten Stadterweiterungsgebiete wie Siemensäcker, Neu Leopoldau, Schichtgründe oder Donaufeld werden die Situation auch an der B3 (Katsushikastraße, Angyalföldstraße) zum Kollabieren bringen. Da muss man kein Verkehrsprophet sein. Die Kreuzung der B3 mit der Donaufelder Straße ist für viele heute schon eine Zumutung.

Angedacht ist die B232, die Donaufeld Straße – eine Querverbindung von der B3 in der Maximalvariante zur Brünner Straße an der Stadtgrenze. Ob das sinnvoll wäre oder noch mehr Verkehr anziehen würde, ist auch im Bezirk Gegenstand der Diskussion: Jede der sechs Parteien hat zur B232 eine andere Antwort. Konsens ist, dass eher keine Verbindung zur Brünner Straße geschaffen werden soll. Fakt ist: Solange es eine rot-grüne Stadtregierung gibt, kommt die Straße nicht.

Pendler.

Rund um Verkehrsknotenpunkte gibt es massive Parkplatzprobleme. Teils durch Binnenpendler aus dem Bezirk. Auffäliger sind die vielen KO und MI-Kennzeichen und Autos aus Osteuropa. Viele besetzen auch gleich von Montag bis Freitag Parkraum, weil sie die ganze Woche auf ‘Montage’ sind. Der Bezirk will es verstärkt mit temporären Kurzparkzonen probieren. Zuletzt passiert beim Bahnhof Strebersdorf. Die Reaktion der Anrainer darauf ist nicht gerade freundlich: Die zehn Korneuburger verteilen sich dann auf die Eisenbahnersiedlung! 2020 soll die Situation evaluiert werden. Fischer: „Die Anrainer werden zufrieden sein!”

Gefühlte 23 Parkpickerl-Versionen geistern derzeit durch Wien.

In Floridsdorf wird es noch von allen außer den Grünen abgelehnt. Anrainerparken ist ohne Parkpickerl derzeit nicht möglich. Eine neue Variante schlägt WIFF - Wir für Floridsdorf-Klubobmann Hans Jörg Schimanek vor: „Ganz Wien wird ausnahmslos zu einer kostenpflichtigen Kurzparkzone. Gratisparkpickerl gibt es für alle Autobesitzer ausschließlich in jenen Bezirken, in denen sie ihren behördlichen Hauptwohnsitz haben.” Fraglich, ob es hier rasch eine Lösung gibt. Bezirksvorsteher Papai lehnt ein Parkpickerl weiter ab: „Das wollen die Floridsdorfer nicht. Neue wienweite Lösungen werden wir uns ansehen.”

Park & Ride.

Die beiden Anlagen in Leopoldau haben noch bis zu 30% freie Plätze. Bei der seit Jahrzehnten geplanten Anlage in Strebersdorf ist ebenso lange nichts passiert. „Eine Park&Ride-Anlage in Strebersdorf wäre aber ideal, um zu verhindern, dass die Autos überhaupt in die Stadt fahren“, erklärt Erol Holawatsch von der ÖVP und schlägt eine gratis Benützung der Anlage in Verbindung mit der neuen Mobilitätskarte vor. Ähnliches wäre dann auch in Korneuburg, Stockerau, Mistelbach, Hollabrunn, etc. nötig. Wien sollte sich an den Kosten beteiligen.

Sharing & Co.

Noch immer gibt es nicht eine einzige City-Bike-Station in Transdanubien. Car-Sharing-Dienste decken im Idealfall die Gegend um den Spitz ab. Wenn solche Geschäftsmodelle Parkraum in ganz Wien blockieren, sollte auch ganz Wien als Geschäftsgebiet vorgeschrieben werden. Das Gebiete, die schon kein so dichtes Öffi-Netz haben, auch hier beachteiligt werden, ist nicht einzusehen.

Grafik_ AK.
Grafik_ AK.

Radfahren.

Warum ausgerechnet in einem abgesehen vom Bisamberg flachen Bezirk Radfahren einen besonders geringen Anteil am Verkehrsmix hat? Nur 4 bis 5 Prozent weisen Studien aus. Weil Radfahren bei uns, abgesehen von der Donauinsel und wenigen Ausnahmen wie der Jedlersdorfer Straße etwas für Mutige, manchmal sogar eher für Übermütige ist. Gerne wird von Rot-Grün erwähnt, dass es in Floridsdorf für Radfahrer besonders oft möglich ist, gegen die Einbahn zu fahren. Zum Beispiel in Jedlesee ist das zwar fast in jeder Gasse möglich, aber oft nicht besonders angenehm.

Radeln auf Brünner oder Prager Straße ist erstens ein Fleckerlteppich an unterschiedlichen Abschnitten und zweitens gemeingefährlich. Manche Planung – wie etwa vorbei am Krankenhaus Nord zwischen zur Autobahn eilenden PKWs – erscheint fragwürdig. In der Rußbergstraße führt ein enger Mehrzweckstreifen bis zur Prager Straße – warum nicht weiter zum Bahnhof Strebersdorf? Heinz Berger, Grüne: „Von außen ins Bezirkszentrum fehlen leistungsfähige Radwege. Der Plan für die Brünner Straße war fertig, leider wurde er von Bezirksvorsteher Papai abgelehnt.”

Die vor Jahren gemachte Umgestaltung der Leopoldauer Straße entpuppt sich heute als fragwürdig: Alle Verkehrsteilnehmer sind darüber unglücklich. Steht der Bus, stehen auch alle anderen. Hinter einem einsamen Radler bilden sich Kolonnen. Deswegen soll es wieder Busbuchten geben. Gelungen ist der, vor dem Bau vielgeschmähte, Kreisverkehr am Beginn der Leopoldauer Straße. Die Radabstellplätze beim Bahnhof Floridsdorf sind meist gerammelt voll. Eine Erweiterung, besser Radgaragen, wären dringend nötig. Platz dafür ist locker vorhanden. Eine bessere Radverbindung wird derzeit gerade von der Strebersdorfer Straße über die Haswellgasse umgesetzt.

Pläne?

Geprüft wird eine Begegnungszone am Bahnhof Floridsdorf. Tempo 30 ist in weiten Teilen des Bezirks umgesetzt, Ausweitungspläne (Jedleseer oder Jedlersdorfer Straße) gibt es bis auf Ausnahmen wie der Überfuhrstraße keine. Die Grünen wollen das ganze Bezirkszentrum zur Begegnungszone machen. FPÖ Vize-Bezirksvorsteher Mareda wünscht sich einen Cabelliner von Strebersdorf Richtung 22. Bezirk. „Viel zu wenig genützt wird der Wasserweg”, deshalb schlägt die ÖVP ein Wassertaxi „als neue und innovative Verbindung vor“.

Zum Schluß nochmals die AK-Studie: „Die Stadtrandbereiche können nicht damit abgetan werden, dass sie weniger dicht besiedelt sind und dass ihnen damit weniger Bedeutung als den Innenstadtbereichen zukommen dürfe!”