Wie wird der ‘Spitz’ attraktiver?

Einkaufen im Bezirkszentrum: Welche Lokale stehen leer, was ist neu, welche Lösungskonzepte gibt es.

Einst prosperierende Einkaufsstraßen, dominieren heute rund um ‘den Spitz’ 1-Euro-Shops und Leerstände. War früher alles besser? Aber vor allem: Wie kann es wieder bergauf gehen? Ideen, Konzepte, Vorschläge und eine Bestandsaufnahme präsentieren wir im Schwerpunktthema der Floridsdorfer Zeitung auf sechs Seiten.

Doppelter Leerstand im Lehndorfer Hof (Schloss- hofer Straße) wohl bis 2019.. Bild: Fotostudio Vodicka.
Doppelter Leerstand im Lehndorfer Hof (Schloss- hofer Straße) wohl bis 2019.. Bild: Fotostudio Vodicka.

„Früher war das eine Einkaufsstraße mit Fürnkranz & Co. Heute gibt es hauptsächlich 1-Euro-Shops. Schrecklich! Unser Bezirkszentrum geht zu Grunde.” So die Standard-Meinung der Alt-Floridsdorfer. Die Wahrheit: Von dem Gedanken, dass Spitz, Prager Straße, Brünner Straße und Floridsdorfer Hauptstraße klassische Einkaufsstraßen sind, werden wir uns verabschieden müssen. „Es findet eine Transformation statt. Große Bekleidungsketten werden aus den Einkaufszentren nicht an den Spitz zurückkehren. Das Bezirkszentrum muss sich etwas Neues einfallen lassen”, erklärt Raumplaner Stefan Ohmacht von der Gebietsbetreuung (siehe Interview S. 14).

Aber es gibt es im Bezirkszentrum auch unzählige, oft kleinere Unternehmer, die das Grätzl am Leben erhalten: Zum Fototermin der Floridsdorfer Zeitung kamen 50 Unternehmer. Von der Bestattung, über Optiker, Blumengeschäft, Tapezierer bis zur Konditorei (Bild oben).

Positive Signale

Wahr ist auch, am ‘Spitz’ ist nicht alles schlechter geworden: Der Amtshaus- Vorplatz hat durch Verkehrsberuhigung, neue Sitzbänke und gratis Internet an Qualität gewonnen. Und es kommen nicht nur weitere 1-Euro-Shops hinzu. Seit September gibt es den neuen Spar, Ende des Jahres eröffnet der neue ‘Ex-Woolworth’ – Details werden im Herbst präsentiert. Und auch der Lehndorfer Hof (das große Eckhaus mit der Raiffeisen Bank) wird saniert und massiv aufgestockt. Allerdings kommt es aufgrund von Bewohnerprotesten zu Verzögerungen, Baubeginn ist eher erst 2018. Deshalb werden das Ex-Mode-Geschäft links und rechts der Trafik (Bild links unten) und das leere Blumen-Geschäft wohl auch frühestens ein Jahr nach der  Sanierung wieder bezogen werden. Das Jahre leerstehende Fitnessstudio wird in Wohnungen umgewandelt. Ebenfalls lange leer: Der 2. Stock des Ex-Gerngross, heute Müller. Unter den vielen zeitlich nicht akkordierten Großbaustellen im Zentrum leiden die Nachbarn: Traditionsjuwelier Gunsam reduzierte von zwei auf ein Geschäft – das im Lehndorfer Hof. Auch dem ‘Betten Reiter’ ging es schon besser.

Leerstand: Geschäfte zu teuer?

Brünner Straße. Bild: Fotosudio Vodicka.
Brünner Straße. Bild: Fotosudio Vodicka.

Leerstände können vielfältige Ursachen haben: Beratungsresistente Besitzer, die ihr Lokal lieber jahrelang unvermietet lassen, als im Preis nachzugeben. Zu hohe Preiserwartungen. Die ‘Kofferzentrale’ (Bild oben) auf der Brünner Straße steht nun auch schon ein Jahr leer. Angeboten wird sie um 4.888 Euro (190m2, plus 60m2 Lager). Andererseits regulieren Angebot und Nachfrage den Preis. Beispiel: Das Geschäftslokal Am Spitz in dem sich seit wenigen Wochen der Billig-Laden ‘Armin-Center’ befindet. Angeboten wurde das 150m2 große Geschäft um 45 Euro pro m2 – also 6.750 Euro netto. Wie das mit den Produkten vedient werden kann, beschäftigt auch Experten.

„Viele Eigentümer geben nicht einen Millimeter bei der Miete nach. Bei vielen Häusern im Zentrum gibt es die Spekulation, ob nicht ein Abriss oder Neubau kommt. Und es geht um den Branchen-Mix: Natürlich wollen auch wir nicht noch einen Friseur bei uns in der Nähe”, sagt Immo- Experte Gerald Kneissl von RE/MAX Dreams auf der Brünner Straße. Viele freie Lokale für ganz Wien finden sich übrigens auf freielokale.at.

Ein Spezialfall: Das Amtshaus (siehe Artikel nächste Seite).

Was passiert mit dem Einkaufsspitz?

Einkaufsspitz. Bild: Fotostudio Vodicka.
Einkaufsspitz. Bild: Fotostudio Vodicka.

Der größte Leerstand im  Bezirkszentrum: Der bunte ‘Einkaufsspitz – ES’. Heuer gab es leichte Bewegung: Die Parkgarage wurde geschlossen. Offizielle Ausage der Besitzerfamilie: „Es gibt nichts Neues. Wir wissen noch nicht genau, was wir machen wollen.”

Trafik Ecke Hermann-Bahr-Straße und Prager Straße. Bild: DFZ.
Trafik Ecke Hermann-Bahr-Straße und Prager Straße. Bild: DFZ.

Hauptproblem des Bezirkszentrums: Die größte Frequenz gibt es am Bahnhof Floridsdorf. Richtung Prager Straße und Floridsdorfer Hauptstraße wird es immer dünner. Was sich auch an diversen Leerständen messen lässt, bis zur Trafik Ecke Hermann-Bahr-Straße (Bild), … Die Probleme sind vielfältig. „Die Beleuchtung auf der Floridsdorfer Hauptstraße ist für eine Geschäftsstraße speziell am Abend mehr ein Totenlicht!”, erklärt der Floridsdorfer Unternehmer Karl Sonderhof. Andererseits sind auch Unsinnigkeiten geplant, wie ein Supermarkt im neuen Haus in der schmalen Schwaigergasse (29).

Leerstände im Gemeindebau

Am Rande des Bezirkszentrum liegt der Schlingermarkt mit den umliegenden Gemeindebauten Schlingerhof und Lötschhof. Am Markt gibt es derzeit mehrere Lokale zu kaufen. Einige, sollte der Markt in drei Jahren boomen, zum Schnäppchenpreis. Zwei Lokale werden bei RE/MAX Dreams um 99.000 bzw. 75.000 Euro angeboten. In den beiden Gemeindebauten könnte im  Schlingerhof bald ein neues Cafe Höhe Mitte des Marktes eröffnen. Für das große Ex-Espresso (380 m² – Nettomiete 2.200 Euro), das Lokal auf der Brünner Straße nach der Trafik oder den Ex-BIPA Ecke Weisselgasse gibt es Interessenten. Aber: Nix ist fix. Seit wenigen Tagen steht auch die Bücherei leer, es wird geprüft, „ob die Räumlichkeiten für die Einmietung einer Arztpraxis tauglich wären”. Interessenten macht es Wiener Wohnen mit einem komplexen Formular, einer miserablen Homepage (freie Lokale sind nicht online) und wenig Nutzungsflexibilität auch nicht leicht. Kontakt: Service Nummer 05757575 oder online auf www.wienerwohnen.at

Pitkagasse. Bild: DFZ.
Pitkagasse. Bild: DFZ.

Ein Spezialfall ist die Pitkagasse 4 (Bild), die Ex-Bowlinghalle, wo früher auch das Dorotheum war. Das Haus ist ein früher Stahlbetonbau und steht unter Denkmalschutz. Die Kaufhausarchitektur ist nicht wirklich für Wohnbau geeignet, Gemeinschaftsbüros wären möglich.

Vereinsamte Prager Straße

Schon lange leer: Laden in der Prager Straße. Bild: Fotostudio Vodicka.
Schon
lange leer: Laden
in der Prager Straße. Bild: Fotostudio Vodicka.

Für die Prager Straße gibt es die Vision einer Kultur- und Gastromeile bis zur Hermann-Bahr-Straße. Bezirksvorsteher Georg Papai (SPÖ): „Schon jetzt muss man an Theatertagen beim Griechen oder bei der Pizzeria Milano reservieren, weil sie bummvoll sind. Die Idee wäre stadtauswärts eine große Schanigartenzone zu haben. Die Prager Straße könnte von Am Spitz bis zur Hermann-Bahr-Straße stadtauswärts unbefahrbar sein, mit großen Schanigärten und Leben. Das wird nicht morgen passieren, sondern nach 2020.“

Hans Jörg Schimanek vom WIFF hält das für „realitätsfern“, weil „auf der gewünschten ‚Genuss- und Kulturmeile‘ derzeit bereits drei der fünf Gastronomiebetriebe insolvent sind bzw. gegen die Insolvenz kämpfen. Das sind lediglich Worthülsen.”

Was sagt die Politik?

Vize-Bezirksvorsteher Karl Mardea (FPÖ). Bild: Fotostudio Vodicka.
Vize-Bezirksvorsteher Karl Mardea (FPÖ). Bild: Fotostudio Vodicka.

Für Vize- Bezirksvorsteher Karl Mareda (FPÖ, Bild) spielt auch die Bürokratie gegen Wirtschaftstreibende eine Rolle: „Derzeit liegen wir am Boden. Die rot-grüne Politik ist nur Inszenierung. Jungunternehmern wird gar nichts geboten. Unternehmern wird das Leben absichtlich schwer gemacht. Und der Bezirksvorsteher macht sich Sorgen, wie man schneller ins Donauzentrum kommt. Das ist wie eine Aufforderung: Kauft nicht im Bezirk!”

„Die Leute kaufen dort ein, wo sie sich auch wohl fühlen und Ruhe haben. Deshalb müssen wir den öffentlichen Raum besser gestalten“, analysiert Bernhard Koch (NEOS).

 

 

 

 

 

Angerer Straße: Hoffnung auf neuen ES und Verbindung zum Markt. Bild: Fotostudio Vodicka.
Angerer Straße: Hoffnung auf neuen ES und Verbindung zum Markt. Bild: Fotostudio Vodicka.

Neugestaltung ist auch die Hoffnung für die Angerer Straße. Zum Beispiel die Verbindung vom Bahnhof zum Markt. Die Umsetzung ist auch hier erst für 2019 zu erwarten.

„Es ist nicht wie bei Sim-City, dass der Bezirksvorsteher mit Mausklick am PC entscheidet, welches Geschäft in welches Lokal kommt. Wir können die Rahmenbedingungen verbessern: Eine ist, die Kaufkraft zu erhöhen. Wir haben im Bezirkszentrum Potential für 600 frei finanzierte Wohnungen. Dachgeschossausbauten, Zubauten, Lückenschlüsse. Auf der Floridsdorfer Hauptstraße entstehen gerade zwei große Projekte. Damit siedeln sich auch wieder Menschen an, die ein bisserl ein dickeres Geldbörsel haben, die hoffentlich auch ihr Geld im Bezirkszentrum lassen und es siedeln sich wieder neue Geschäfte an.”, hofft Papai.

Letztlich braucht es eine gemeinsame Anstrengung Aller, um die Abwärtsspirale der letzten Jahre in einen Aufwärtstrend umzuwandeln: Mutige und investitionsfreudige politische Entscheidungsträger und motivierte und innovative Geschäftsleute. Und natürlich uns, die Konsumenten. Wir haben mehr Macht als wir glauben. -HANNES NEUMAYER