20 Baumfällungen für ‚Baumstadt‘

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Baumfällungen in der Werndlgasse. Bild: Privat.
Baumfällungen in der Werndlgasse. Bild: Privat.

In der Werndlgasse fallen einer Generalsanierung der 150 Jahre alten ‚ÖBB-Bauten‘ 20 Bäume zum Opfer. Das geplante kleine Stadtentwicklungsgebiet heißt ausgerechnet ‚Baumstadt‘!

„Entsetzen über 15 gefällte Bäume in der Werndlgasse. Kaum gibt es einen neuen Bebauungsplan, schon fallen die Bäume!“, schlagen Anrainer und die Floridsdorfer Grünen Alarm. Am Freitag wurden 13 Bäume im Bereich Werndlgasse 3-9 und zwei Bäume im Bereich Werndlgasse 6-10 gefällt.

Seit letzter Woche ist der neue Flächenwidmungs- und Bebauungsplan für die Siedlung Werndlgasse in der öffentlichen Auflage (https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/flaechenwidmung/aktuell/8358.html), „schon rücken die Kettensägen an, um 15 große alte Bäume zu fällen. Obwohl die neue Widmung noch gar nicht beschlossen ist, wird der Platz für die geplanten Gebäude bereits vorsorglich gerodet“, ärgert sich Heinz Berger von den Floridsdorfer Grünen.

Insgesamt gibt es bereits seit 2022 eine Bewilligung zur Fällung von 20 Bäumen. Dass das geplante Projekt ausgerechnet ‚Baumstadt‘ heißt, ist nicht frei von Ironie. Die Liegenschaft wurde von den ÖBB an die IFA verkauft – die DFZ hat schon 2020 ausführlich berichtet. Das Projekt wurde bereits den Anrainern präsentiert. Unter anderem soll es auch auf den Dächern „echte Bäume“ geben. Ein Zitat aus dem städtbaulichem Konzept: „Um das historische Ensemble zeitgemäß zu transformieren, bekommen die Häuser zur Werndlgasse hin schlanke Hochpunkte, die um zwei Geschoße höher sind (24m Gebäudehöhe / Bauklasse V), als die sanierten, aufgestockten Häuser.“

Die Siedlung der Werndlgasse ist in einem baulich sehr schlechten Zustand und nicht mehr zeitgemäß. Sie soll saniert und angemessen erweitert werden. Der Charakter des historischen Ensembles soll dabei erhalten und zeitgemäß transformiert werden.
Die Ziele dieser städtebaulichen Transformation sind neben dem Erhalt des Charakters der Siedlung ein breites Angebot unterschiedlicher Wohnungsgrößen, zeitgemäße Standards, qualitätsvolle Außenräume und eine Öffnung zur Nachbarschaft. Auszug aus dem städtebaulichen Konzept. Quelle:baumstadt-floridsdorf.
Die Siedlung der Werndlgasse ist in einem baulich sehr schlechten Zustand und nicht mehr zeitgemäß. Sie soll saniert und angemessen erweitert werden. Der Charakter des historischen Ensembles soll dabei erhalten und zeitgemäß transformiert werden. Die Ziele dieser städtebaulichen Transformation sind neben dem Erhalt des Charakters der Siedlung ein breites Angebot unterschiedlicher Wohnungsgrößen, zeitgemäße Standards, qualitätsvolle Außenräume und eine Öffnung zur Nachbarschaft. Auszug aus dem städtebaulichen Konzept. Quelle:baumstadt-floridsdorf.

Berger: „ Wir sind schon gespannt, ob auch diese Bäume plötzlich erkrankt sind und daher „Gefahr für Leib und Leben“ abgewendet werden musste, womit sich die Bauträger viele zusätzliche Ersatzpflanzungen „ersparen“ würden. Für das Mikroklima im Grätzel sind die Baumfällungen ein schwerer Verlust, der durch die vorgeschriebenen Nachpflanzungen von Jungbäumen gar nicht kompensiert werden kann. Wir fordern Nachpflanzungen von Bäumen im Verhältnis von 1 Baum pro 30 cm Stammumfang, auch wenn das über die aktuelle gesetzliche Verpflichtung hinausgeht!“

Der Forderung wird nicht entsprochen: „Keiner der Bäume wird wegen einem Bauvorhaben gefällt! Es ist aber üblich, bei einer Grundstücksverwertung den Baumbestand überprüfen zu lassen“, wie die DFZ erfahren hat. Für jeden der 20 Bäume liegt irgendeine Schadensmeldung vor: offene Höhlungen mit fortgeschrittener Holzfäule im Kronenansatzbereich; zahlreiche holzzerstörend Pilzfruchtkörpe; chiefstämmig und weist zahlreiche Bohrlöcher des Hornissenglasflüglers; etc. (alle Infos liegen der DFZ vor): „Aufgrund der vorliegenden Schadsymptome der Bäume Nr. 1, 2, 3, 5, 10, 11, 12, 16 und 19 ist die körperliche Sicherheit von Personen gefährdet. Eine andere zumutbare Möglichkeit der Gefahrenabwehr, außer der Entfernung dieser Bäume ist nicht gegeben“, heißt es weiter. Vorgeschrieben wurde pro Baum eine Ersatzpflanzung.

Baumfällungen in der Werndlgasse. Bild: Privat.
Baumfällungen in der Werndlgasse. Bild: Privat.
Geplante neue Flächenwidmung. Quelle: wien.gv.at
Geplante neue Flächenwidmung. Quelle: wien.gv.at

Auf der Webseite der Stadt Wien wird das Projekt als ‚Sanierung und Aufwertung der „Siedlung Werndlgasse“‚ vorgestellt. Dort heißt es: „Die „Eisenbahnerhäuser“ oder „Nordbahnhäuser“ sind eine um 1870 fertiggestellte Wohnhausanlage nördlich des Schlingermarktes in Floridsdorf. Früher wurden sie überwiegend von ÖBB-Mitarbeiter*innen bewohnt. Im Gegensatz zu ihrem Umfeld hat sich die Anlage in vielen Jahrzehnten kaum verändert.
Die vorhandene Bebauungsstruktur ermöglicht eine maßvolle Nachverdichtung in einem zentralen Bereich von Floridsdorf. Wohnbauten sollen saniert oder neu geschaffen und ein Kindergarten soll errichtet werden. Die Eisenbahnerhäuser befinden sich in einem sanierungsbedürftigen Zustand und entsprechen nicht mehr den Standards für zeitgemäßes Wohnen. Um sie wieder nutzen zu können, sollen sie saniert und erweitert werden, ohne den Charakter des historischen Ensembles zu verlieren. Die Siedlung Werndlgasse lässt eine Transformation in Richtung einer sozial ausgewogenen, ökologisch und klimatisch notwendigen, wirtschaftlich angemessenen Entwicklung zu.
Die bestehenden Bäume im Plangebiet werden größtenteils erhalten oder – falls das nicht möglich ist – ersetzt und durch neue Baumpflanzungen ergänzt. Entlang der Werndlgasse bleibt eine lineare Baumreihe bestehen. Für die geplanten Fassadenbegrünungen sollen ebenfalls (Spalier-)Bäume gepflanzt werden. Zusätzlich sollen die Gebäude durch Dachbegrünungen zur Verbesserung des Mikroklimas und des Regenwassermanagements beitragen.

Am 9. November 2021 gab es im Rahmen einer Dialogveranstaltung die Möglichkeit, sich über das Projekt zu informieren und Ideen einzubringen. Die von den Bürger*innen geäußerten Wünsche bezogen sich hauptsächlich auf folgende Themen:

Erhalt des umfangreichen Baumbestands sowie der Grünflächen

Durchwegung in Richtung Schlingermarkt

Verbesserung der Radinfrastruktur

Parkplätze für die Bewohner*innen

Überlegungen zum Anschluss an das Fernwärmenetz auch für umliegende Gebäude

Anmerkungen der Anrainer und Wünsch bezüglich Sonneneinstrahlung sollen noch in die geplante Flächenwidmung eingearbeitet werden. Flächenwidmungen werden nicht im Bezirk beschlossen (es wird nur eine Stellungnahme abgegeben), sondern im Gemeinderat.

Online-Infostunde Werndlgasse: 15.03.23, 18:00 Uhr bis 15.03.23, 19:30 Uhr. Anmeldung: per E-Mail an mitreden@ma21.wien.gv.at – Stichwort: Werndlgasse