Der Heinrichshof in der Schwarzen Lacke

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Mondäner Heinrichshof gegenüber der Staatsoper um 1903. Postkarte - Bild: Wien Museum.
Mondäner Heinrichshof gegenüber der Staatsoper um 1903. Postkarte - Bild: Wien Museum.

Fährt man von der Prager Straße in die Autokaderstraße, vorbei an den großen Wohnblocks, Richtung Strebersdorf, stehen am Straßenrand einige Flaschencontainer. Darunter erkennt man ein altes Kopfsteinpflaster, das nach links Richtung Gebüsch abzweigt. Wer sich darüber wundert, dem sei gesagt: Es sind die Reste eines Schüttgleises der Verkehrsbetriebe. Vor gut 70 Jahren herrschte hier Hochbetrieb: Mit zahlreichen Schuttwagen wurden die Überreste des zerbombten Wien, unter anderem des mondänen Heinrichshofs, hier in die Schwarze Lacke gekippt.

Die Schwarze Lacke, einst ein breiter Seitenarm der Donau, wurde durch die Donauregulierung 1873 zum zehn Kilometer langen stehenden Gewässer, das von Lang-enzersdorf bis Jedlesee reichte. Die Frauen nutzten es zum Wäschewaschen, für die Kinder war es Schwimmbad und Eislaufplatz, später spielten die Männer auf den Uferwiesen Fußball. An den Wochenenden war es das, was man heute als Naherholungsgebiet bezeichnet.

Das änderte sich im Jahr 1945 dramatisch. Denn bevor man in Wien an den Wiederaufbau denken konnte, musste schätzungsweise eine Million Kubikmeter Schutt beseitigt werden. Auch nach dem „Recyceln“ aller wiederverwertbaren Materialien wie Holz und Ziegel
blieben viele Tonnen an Abfall übrig. Und da erinnerte man sich unter anderem der durch Straßenbahngleise direkt mit der Innenstadt verbundenen Schwarzen Lacke.

Von Mathhias Marschik

Von 1946 bis 1955 rollten täglich zahlreiche Straßenbahnwagen, jeweils mit zwei Schuttanhängern, von der „City“ nach Floridsdorf und luden hier so viel unbrauchbares Material ab, bis die gesamte Schwarze Lacke zugeschüttet war. Anfang der 1950er Jahre waren es vor allem die Überreste eines Gebäudes, die hier entsorgt wurden, und zwar des Heinrichshofes, der gegenüber der Staatsoper gestanden war.

Der Großindustrielle Heinrich Drasche, durch seine Ziegelwerke und die Ausbeutung seiner Arbeiter reich geworden, hatte den repräsentativen Bau 1861/62 nach Plänen von Theophil Hansen errichten lassen. Es war ein palastartiges Zinshaus mit mondänen Bewohnern, bekannten Geschäften und beliebten Cafés. Bei einem alliierten Luftangriff am 12. März 1945 wurde der Heinrichshof von drei Bomben getroffen und brannte fast völlig aus. Dem Wunsch der Stadt Wien nach einem Wiederaufbau widersetzte sich die Eigentümerfamilie, die sich von einem Neubau höheren Gewinn versprach. 1951 wurde wegen der Sicherheitsrisiken ein Totalabbruch gefordert und von 1952 bis 1954 vollzogen.

Der zerstörte Heinrichshof nach dem 2. Weltkrieg. Bild:  ÖNB / Hilscher.
Der zerstörte Heinrichshof nach dem 2. Weltkrieg. Bild: ÖNB / Hilscher.

Stattdessen wurde schon 1956 der wenig attraktive Opernhof eröffnet. Wie so oft, so könnte man schlussfolgern, musste Floridsdorf die Schäden der Wiener „City“ ausbaden. Wobei „ausbaden“ hier wohl der falsche Begriff ist. Denn ohne den Schutt der Innenstadt und besonders des Heinrichshofes hätte man zumindest einen Teil der Schwarzen Lacke erhalten können. Und Floridsdorf hätte, neben der Alten Donau, ein weiteres Freizeitparadies am Wasser, wo man wohl längst einen attraktiven Stadtstrand angelegt hätte.

Univ.-Doz. Dr. Matthias MarscUniv.-Doz. Dr. Matthias Marschik ist Historiker und Kulturwissenschafter. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. Zuletzt erschienen u.a. Bücher über den Bisamberg, die Wiener Hausberge und das bürgerliche Floridsdorf. Matthias Marschik ist in Floridsdorf geboren, er lebt und arbeitet auch heute noch im Bezirk. Er schreibt regelmäßig in der Floridsdorfer Zeitung. Foto: Privat.hik ist Historiker und Kulturwissenschafter. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. Zuletzt erschienen u.a. Bücher über den Bisamberg, die Wiener Hausberge und das bürgerliche Floridsdorf. Matthias Marschik ist in Floridsdorf geboren, er lebt und arbeitet auch heute noch im Bezirk. Er wird ab sofort regelmäßig in der Floridsdorfer Zeitung schreiben. Foto: Privat.
Univ.-Doz. Dr. Matthias Marschik ist Historiker und Kulturwissenschafter. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. Zuletzt erschienen u.a. Bücher über den Bisamberg, die Wiener Hausberge und das bürgerliche Floridsdorf. Matthias Marschik ist in Floridsdorf geboren, er lebt und arbeitet auch heute noch im Bezirk. Er schreibt regelmäßig in der Floridsdorfer Zeitung. Foto: Privat.