Auf exakt 500 Seiten wird die Geschichte eines einzigen Hauses beschrieben – das längst nicht mehr existiert. Es muss sich also um ein besonderes Haus handeln, dem sich Ulla Remmer in ihrem Buch widmet: der legendäre Heinrichshof gegenüber der Staatsoper.
Benannt nach dem berühmtesten Ziegelbaron Heinrich von Drasche ist schon die Namensgebung des 1863 fertiggestellten Gebäudes am Opernring typisch wienerisch. Offiziell Heinrichhof dichtete die Bevölkerung einfach ein ,s‘ in der Mitte dazu.
Remmer legt in ,Das verlorene Vis-a-vis am Opernring‘ nicht etwa eine Architekturbeschreibung des von Theophil Hansen (Architekt des Parlaments) errichteten Zinshauses, sondern eine spannende Gesellschaftsgeschichte von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis nach dem 2. Weltkrieg vor.
Im Heinrichshof gab es 96 Wohnungen und 48 Gewölbe. Remmer: „Die Menschen im schönsten Zinshaus Wiens suchten Erfolg und fanden ihn bisweilen, sie belebten die Wirtschaft, die Klatschspalten und Gerichtsreportagen, sie reüssierten und machten Bankrott, sie halfen ihren Mitmenschen und trieben andere in den Bankrott.“
Die Autorin rekonstruiert anhand von unzähligen Beispielen detailliert die Geschichte dieser Menschen. Eine der größten Wohnungen, eine 17 Zimmer-Suite, bewohnte lange Jahre der weltberühmte Wiener Tenor Leo Slezak, quasi unter ihm residierte jahrzehntelang ein Bibelverein, der die Bibel in dutzenden Sprachen anbot. Nur kurz logierte Anton Bruckner im Heinrichshof. Legendär ist die Geschichte von Karl Holls gigantischem Auktions-Institut, visionär jene von Marie Kühnels Handelsschule für Mädchen und Frauen, wechselhaft jene der Cafehäuser vis a vis der Staatsoper oder von Philippskys Bierhalle. Und dramatisch ist der Fall von Anna Steinbichler: Die Sitzkassierin im Cafe Bauer wurde unabsichtlich vom Sohn des Cafetiers Heinrich Krippel erschossen. Heinrich jun. wurde später Bildhauer und als Schaffer von Skulpturen in der Türkei berühmt.
Und dann wäre noch die persönliche Beziehung der Autorin zum Heinrichshof: Großvater Hans Remmer führte über viele Jahre die ringstraßenseitig gelegene Buchhandlung Franz Leo & Comp. mit der Adresse Opernring 3.
Das Ende des Heinrichshofes weist viele Parallelen zur Gegenwart auf: Im 2. Weltkrieg stark, aber nicht unsanierbar, zerbombt, folgte 1954 trotz Protesten der Abriss. Und das hat mit Floridsdorf zu tun: Denn der Schutt der Haus-Legende liegt, mit der Straßenbahn über ein Schuttgleis in die Autokaderstraße transportiert, verscharrt im ehemaligen Flussbett der Schwarzen Lacke. 1955 wurde der Opernringhof gebaut.
Das Verlorene Vis-à-Vis am Opernring; Ulla Remmer; mandelbaum Verlag, 32 €.















