Gut 90 Jahre nach seinem Tod im Jahr 1934 wird Florian Berndl als Begründer des Gänsehäufels und Gesundheitsapostel geehrt. Das Bad in Bisamberg ist ebenso nach ihm benannt wie eine Gasse an der Alten Donau. Zu Lebzeiten hingegen war Berndl alles andere als anerkannt: er wurde als Weltverbesserer gesehen, als streitsüchtig und ungepflegt beschrieben. Er passte weder ins konservative Weltbild der Christlich-Sozialen noch ins aufgeklärte System des „Roten Wien“.
Und oft machte man sich über ihn lustig, wenn etwa die Floridsdorfer Zeitung 1913 über diesen „wunderlichen Mann“ schrieb: „Daß er sich in seinem Wirkungskreis stets auf den Doktor der Wasserheilkunde, auf den genialen Entdecker hinausspielte und deshalb infolge seiner Wasserordination, verbunden mit wässerigen Ratschlägen von den Behörden des öfteren beanstandet wurde, ist eine Tatsache (…) Der alte Florian Berndl hat halt einmal die fixe Idee, daß gerade er allein die Wiener durch billige Sonne, Sand und Wasser beglückte. Lassen wir ihm die Freude, aber Ruhe soll er schon einmal geben“.
Nun, Ruhe hat der Florian Berndl zeit seines Lebens nicht gegeben. Er war überzeugt, fast besessen von seinen Ideen und verfolgte seine Pläne kompromisslos. Aber wer war eigentlich dieser Florian Berndl? Er stammte aus dem Waldviertler Ort Großhaselbach. Sein Wissen über Naturheilkunde kam von seiner Mutter, die Dorfbaderin war, Grundzüge der Medizin erwarb er sich als Sanitäter im Militär und als Pfleger im
Wiener AKH. Im Jahr 1900 pachtete er den „Gänsehaufen“, wo er Wasser-, Sonnen- und Sandbäder anbot. Das passte gut in die damals verbreitete Lebensreformbewegung, und so zählten rasch auch prominente Künstler, Intellektuelle und Politiker zu seinen Gästen.
Dass Berndl das gemeinsame Nacktbaden von Männern und Frauen propagierte, führte zu zahlreichen Klagen wegen Unsittlichkeit. Und dass er mit seinen Bädern und Kuren nicht nur rheumatische Beschwerden, sondern sogar die Tuberkulose heilen wollte, erweckte Proteste und schließlich Verbote seitens der etablierten Medizin. Beides zusammen führte dazu, dass Berndls Pachtvertrag 1905 nicht verlängert wurde. Zwei Jahre später wurde er im neu eröffneten städtischen Strandbad als Bademeister angestellt.
Weil er aber seine Kuren nicht anwenden durfte, zerstritt man sich und Berndl gründete 1909 auf der anderen Seite der Alten Donau die Gartenkolonie „Neu-Brasilien“. Durch die Untervermietung kleiner Parzellen wurde Berndl so zum Gründer der Wiener Schrebergartenkultur. Doch Berndls resolut und diktatorisch vorgetragene Ideen einer aktiven Vereinskultur missfielen den Pächtern und so war auch diese Initiative nach wenigen Jahren beendet.
1913 stand Berndl mittellos da. Eine von der Gemeinde Wien gnadenhalber gewährte Pension von jährlich 1000 Kronen lehnte er ab und bestand auf der Einmalzahlung von 20.000 Kronen für ein neues Großprojekt, was aber abgelehnt wurde. Er ließ sich mit seiner Familie am Bisamberg bei der Gamshöhe nieder. Seine Idee eines Heil- und Kurzentrums, eines „Volks-Semmerings“, ließ sich mangels Gönnern nicht realisieren. So verbrachte Berndl seine letzten 20 Lebensjahre als Einsiedler auf der „Berndl-Alm“.
Der alte verbitterte Mann mit dem langen Bart, meist bloßfüßig und lediglich mit kurzer weißer Hose bekleidet, wurde zum weithin bekannten, aber nicht ernst genommenen Original. Er starb 1934, als er sich nach der Einlieferung ins AKH aus dem Fenster stürzte, weil er der ärztlichen Kunst misstraute.
Die Parallele zu heute: Was eine echte Innovation und was lediglich Schwurblerei ist, das ist oft schwer einzuschätzen. Und oft sind alternative Ideen ja beides zugleich.














