Dass Erich (Graf von) Kielmansegg in der Entwicklung Floridsdorfs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte, ist bekannt. Der Jurist aus einem hannoveranischen Adelsgeschlecht war ab 1870 in der Verwaltung Niederösterreichs tätig und zwischen 1889 und 1911 dessen Statthalter. Er war entscheidend an der Donauregulierung und der Stadterweiterung Wiens 1890-92 beteiligt. Sein Plan, Floridsdorf zur Hauptstadt Niederösterreichs zu machen, wurde 1904 von Karl Lueger durch die Eingemeindung der linksseitigen Donaugemeinden vereitelt.
Weniger bekannt ist, dass Kielmansegg ein begeisterter Radfahrer war, der den Radsport und das Rad als Fortbewegungsmittel massiv förderte. Er war selbst oft mit dem Fahrrad unterwegs und auch seine „sporteifrige“ Gattin „pädalierte mit Chic“, wie in der Zeitung „Radfahrsport“ berichtet wurde. Sogar Kaiser Franz Joseph wusste über diese Leidenschaft Bescheid und fragte Kielmansegg immer wieder, ob er denn heute mit dem Rad zur Besprechung angereist sei. 1897 gewährte Kielmansegg in Wien „Fahrfreiheit“, das bedeutete die Abschaffung der Nummerntafeln und einer verpflichtenden Fahrprüfung, frei nach dem Motto: Die „Gefährlichkeit des Radfahrverkehres besteht nur in der Phantasie des Spiessbürgers“.
Von Matthias Marschik
1898 saß Kielmansegg im Präsidium der Rad-Weltmeisterschaft 1898 in Wien und er förderte sogar einen „Radfahrclub der Staatsbeamten“, weil es ihnen „die Möglichkeit gibt, fernab von dem Getriebe der Stadt in frischer Luft die freien Stunden des Tages zuzubringen und sich die erwünschte körperliche und geistige Frische zu erhalten.“ Ebenso regte er an, „dass das Radfahren für praktische dienstliche Zwecke in weitaus grösserem Maße als bisher Anwendung finden möge“. Kielmansegg lobte zudem die Einhebung einer zweckgebundenen Steuer, die in Frankreich beim Kauf jedes Fahrrades so lange bezahlt werden sollte, bis das ganze Land mit Radwegen ausgestattet sei.

Auch Kielmansegg plädierte für die Errichtung eigener Radwege und hielt dazu im Frühjahr 1897 sogar eine Enquete ab, die aber eigene Radstreifen in Wien für nicht notwendig erachtete. So wurde lediglich im Prater ein Radweg angelegt. Kielmansegg verwirklichte seine Idee daher im noch nicht zu Wien gehörenden Floridsdorf: Am 26. April 1899 wurde, wie Anton Tantner im Juni 2021 in der DFZ bereits erzählt hat, die erste nur für Radfahrer (und Radfahrerinnen!) angelegte Piste eröffnet, die über etwa 20 Kilometer von der Angerer Straße über Leopoldau, Süßenbrunn nach Deutsch-Wagram und Bockfließ führte. Schon am Eröffnungstag sollen 2.000 Radler, größtenteils aus „besseren Kreisen“, den zwei Meter breiten geschotterten Weg frequentiert haben.
Auch ein zweiter, 13 Kilometer langer Radweg von der Floridsdorfer Brücke über den Hubertusdamm und Lang-Enzersdorf bis Korneuburg wurde noch 1899 in Betrieb genommen und nach seinem Protektor „Kielmansegg-Radfahr-Weg“ genannt. Mitunter würde man sich als Radler/Radlerin in Wien einen „neuen“ Kielmansegg wünschen.

















