
Auch 81 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur in Österreich ist es wichtig, an die Verbrechen dieses Regimes zu erinnern. Zum einen sterben die letzten Zeitzeugen weg, die ihre persönlichen Erinnerungen mitteilen können. Zum anderen gibt es aktuell viele Entwicklungen, die wiederum in Richtung autoritärer Staat, Nationalismus und Rassismus weisen. Dabei gilt es, Gemeinsamkeiten (und Unterschiede!) zum NS-System zu sehen. Damit das gelingt, muss aber auch der Nationalsozialismus differenziert betrachtet werden.
Was ich damit meine, möchte ich am Beispiel des Gedenkens an Karl Biedermann, Alfred Huth und Rudolf Raschke erläutern, die in Floridsdorf als Helden des Widerstands gegen das NS-Regime gesehen werden. Sicherlich, Biedermann hat zu Jahresende 1944 Kontakte zur Gruppe um Carl Szokoll aufgenommen: Es gibt einen Aufstandsplan, der die drohende Zerstörung Wiens verhindern und eine kampflose Übergabe erreichen soll. Die Operation wird verraten, die drei Offiziere werden zum Tod verurteilt und am 8. April 1945 öffentlich am Floridsdorfer Spitz gehängt. Ein Denkmal und eine Tafel am Amtshaus erinnern daran.
Es gab Hunderte deutsche Offiziere, die nichts dergleichen gemacht und dem System bis zuletzt die Treue gehalten haben. Doch man darf eben nicht übersehen, dass das auch Biedermann lange Zeit getan hat. Biedermann war Heimwehrmann und im Februar 1934 führend an der Beschießung des Karl-Marx-Hofs beteiligt. Ab dem „Anschluss“ biedert er sich den Nazis an, die ihn als „absolut antimarxistisch und scharf antisemitisch“ einschätzen. Ab dem November 1939 Offizier, nimmt er am Russlandfeldzug teil, wird mehrfach ausgezeichnet und zum Major befördert. Er habe, so schreibt er selbst, immer „seine Pflicht für Führer und Reich“ getan und bekannte sich „rückhaltlos“ zum NS-Staat und zum „großen Werk des Führers“. Erst als die Niederlage unvermeidbar schien, wurde er wieder zum „Österreicher“ und zum Widerstandskämpfer. Wenn wir uns heute zurecht daran erinnern, sollte sein Vorleben aber nicht ausgeblendet werden.
Von Matthias Marschik
Vor allem aber sollte bei der jährlichen Erinnerung an Biedermann, Huth und Raschke nicht auf jene Menschen vergessen werden, die – auch und gerade in Floridsdorf – einen vielleicht weniger spektakulären Widerstand geleistet haben, sich aber selbst dabei treu geblieben sind.
Um hier nur ein Beispiel zu nennen, möchte ich an die 1905 geborene Floridsdorferin Antonie Stockinger erinnern. Sie war in den 1920er Jahren Mitglied der Naturfreunde, später der KPÖ. Nach deren Verbot 1933 war sie nun im Untergrund politisch aktiv, sorgte besonders nach dem Februar 1934 für die Familien entlassener oder verhafteter Straßenbahner im Bezirk. Nach dem März 1938 verteilte sie Flugblätter und Streuzettel mit regimekritischen Inhalten. Zusammen mit ihrem Ehemann war sie in der illegalen KPÖ aktiv, besorgte Informationen, verwaltete Mitgliedsbeiträge und sorgte für deren Auszahlung an bedürftige Genossen und Genossinnen, vor allem in illegalen Zellen bei der Straßenbahn und in der Floridsdorfer Tonfabrik.
Im Jänner 1942 wurde Stockinger von der Gestapo verhaftet und nach fast einjähriger Haft am Jahresende vom Volksgerichtshof wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tod verurteilt. Sie wurde am 16. März 1943 im Landesgericht Wien hingerichtet. Auch ihr Mann Franz wurde 1943 verhaftet, fast ein Jahr inhaftiert und dann einem Strafbataillon zugewiesen. Der Widerstand von Antonie Stockinger mag auf den ersten Blick weniger eindrucksvoll erscheinen als jener von Biedermann, aber ist er deshalb weniger erinnerungswürdig?














