Samstag, 18. Juli, 2026
Start 6-7/2026 Massenmotorisierung, made in Floridsdorf

Massenmotorisierung, made in Floridsdorf

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Maxi Böhm auf einem Lohner-Kamel. Foto: Sammlung Ehn.
Maxi Böhm auf einem Lohner-Kamel. Foto: Sammlung Ehn.

Aus Italien kam Ende der 1940er Jahre eine großartige Idee: Der Motorroller. Piaggio (Vespa) und Innocenti (Lambretta) entwickelten kleine zweirädrige Motorfahrzeuge, leicht zu handhaben, wendig, führerscheinfrei und viel billiger als ein Auto, das sich noch kaum jemand leisten konnte. Otto Kauba, der bis 1939 Luxusautos und während des Krieges Bombenflugzeuge gebaut hatte, entwarf ein ähnliches Gefährt für österreichische Verhältnisse: es sollte wegen der Bergstraßen etwas stärker sein und besser gegen Regen geschützt. Anfang 1949 präsentierte er seinen Entwurf im Lohner-Werk in der Donaufelder Straße. Die Nachkriegs-Motorisierung begann in Floridsdorf.

Nur vier Monate nach der ersten Skizze war ein Prototyp fahrbereit. Als dessen Antrieb diente der bereits seit den 1930er Jahren bewährte Fichtel & Sachs-Zweigangmotor mit 98 ccm Hubraum und 2,5 PS sowie einem Seilzug-starter. Über den Sommer musste das Fahrzeug allerdings nochmals komplett überarbeitet werden, weil Lohner auf der Konstruktion eines Zweisitzers bestand. Es entstand ein völlig neues Gefährt mit einer selbsttragenden Karosserie, die Motor, Hinterrad und Tank umhüllte. Zudem war das Vorderrad nun gefedert. Ab Sommer 1949 war die erste Vespa in Österreich erhältlich. Nur ein halbes Jahr später wurde der grasgrüne Lohner-Roller in einer Pressekonferenz vorgestellt, ab April gelangte er in den Handel.

Von Matthias Marschik

Dass die Vespa Pate gestanden hatte, war nicht zu übersehen und wurde von Lohner auch bewusst werblich vermittelt: Der Lohner-Roller sollte zwar wetterbeständig und berggängig sein, aber zugleich südländische Lebensfreude vermitteln, schließlich wollte man am Italienfieber, wie es durch Filme und Schlager vermittelt wurde, partizipieren. Allerdings bekam der Lohner L 98 keinen italienischen Spitznamen, sondern hieß wegen seiner höckerförmigen Verkleidung im Volksmund „Kamel“. Das Grundmodell des L 98 war einsitzig, doch konnte gegen Aufpreis ein zweiter Sitz samt Fußrasten nachgerüstet werden. Allerdings kostete der Roller etwa ein halbes Jahresgehalt eines Arbeiters. Das Nachfolgemodell L 98 T (stand für „Tourer“), vor allem aber der L 125 und später der L 200 wurden nicht mehr nur als Stadtfahrzeuge, sondern auch für Landausflüge und Urlaubsfahrten angepriesen. Verkauft wurden etwa 10.000 Exemplare.

Doch noch einmal prägte die Firma Lohner die Entwicklung der österreichischen Motorisierung: Unter den Zweiradfahrern hatten sich Mitte der 1950er Jahre zwei Weltanschauungen entwickelt: Der behäbige Roller stand gegen das sportliche Moped für „echte Männer“, also auch für jeden Halbstarken. Im Jahr 1957 präsentierte Lohner daher mit dem Mopedroller „Sissy“ eine völlig neue Fahrzeugkategorie, ein zweisitziges Moped für Jung und Alt, das aber auch die Qualitäten eines Rollers hatte. Binnen weniger Jahre prägte die Sissy das österreichische Straßenbild. Allein von der ersten Serie (bis 1960) wurden etwa 35.000 Exemplare verkauft, wesentlich mehr als vom Mecky des Konkurrenten KTM. Überflügelt wurden beide aber von der Puch MS 50.

Anders als in anderen europäischen Ländern fand die Motorisierung in Österreich über das Motorrad statt, begünstigt durch die Führerscheinfreiheit und Steuervorteile. In den 1950ern war Österreich eine „Mopednation“, doch war klar, dass das nur ein Zwischenschritt zum Automobil war, dessen Zahl sich von 1950 bis 1960 fast verzehnfachte. So verwundert es nicht, dass 1966 bei Lohner in Floridsdorf die Roller- und Mopedproduktion endete.

Univ.-Doz. Dr. Matthias MarscUniv.-Doz. Dr. Matthias Marschik ist Historiker und Kulturwissenschafter. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. Zuletzt erschienen u.a. Bücher über den Bisamberg, die Wiener Hausberge und das bürgerliche Floridsdorf. Matthias Marschik ist in Floridsdorf geboren, er lebt und arbeitet auch heute noch im Bezirk. Er schreibt regelmäßig in der Floridsdorfer Zeitung. Foto: Privat.hik ist Historiker und Kulturwissenschafter. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. Zuletzt erschienen u.a. Bücher über den Bisamberg, die Wiener Hausberge und das bürgerliche Floridsdorf. Matthias Marschik ist in Floridsdorf geboren, er lebt und arbeitet auch heute noch im Bezirk. Er wird ab sofort regelmäßig in der Floridsdorfer Zeitung schreiben. Foto: Privat.
Univ.-Doz. Dr. Matthias Marschik ist Historiker und Kulturwissenschafter. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. Zuletzt erschienen u.a. Bücher über den Bisamberg, die Wiener Hausberge und das bürgerliche Floridsdorf. Matthias Marschik ist in Floridsdorf geboren, er lebt und arbeitet auch heute noch im Bezirk. Er schreibt regelmäßig in der Floridsdorfer Zeitung. Foto: Privat.