Müssen 22° Raumtemperatur reichen?

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Anlage am Georg-Schicht-Platz 1. Bild: DFZ.
Anlage am Georg-Schicht-Platz 1. Bild: DFZ.

Wo liegt ihre Wohlfühltemperatur in der eigenen Wohnung? Bei den meisten irgendwo zwischen 18 und 24 Grad. Gut, dass man das mit einem Thermostat regeln kann. Sollte man meinen. In einer neuen Anlage auf den Schichtgründen in Donaufeld drosselt der Bauträger die maximale Temperatur auf höchstens 22°. Darf man das?

Georg Schicht Platz 1. Noch vor zehn Jahren waren hier Felder. Heute liegt die hübsche Schicht-Villa eingequetscht zwischen Fachzentrum und neuen Wohnanlagen. Erst im März sind unzählige Neo-Floridsdorfer eingezogen. Probleme gibt es seit Beginn einige, davon kann man sich in einer facebook-Gruppe überzeugen: Müll, Einkaufswagen im Stiegenhaus oder ein Gummistiefel, der in einem Aufzug in Brand gesetzt wurde.

Seit dem November ist bei vielen Mietern aber wirklich Feuer am Dach oder besser Eiszapfen in der Wohnung. Denn in manchen Wohnungen wird es nicht warm genug. „Die Kinder kommen in der Nacht zu den Eltern ins Schlafzimmer, weil sie frieren. Und jetzt ist noch nicht mal richtig Winter“, erzählt Gerhard P. (Name von der Redaktion geändert). Mehr als 22° erreiche niemand, manche Mieter noch weniger. Die Heizkörper würden nur warm, aber nicht heiß. Von der Installationsfirma wurden viele Heizkörper bereits überprüft. Ergebnis: Keine Fehler. Eine Anrainerin: „Bei uns wurden von der Firma übrigens trotz aufgedrehter Heizkörper nur 21 Grad gemessen!“

Nach unzähligen Telefonaten und Schuldzuweisungen von Installationsfehlern oder die Fernwärme wäre schuld, steht nun fest: Alles Absicht. Die Temperatur ist auf maximal 22° gedrosselt. Das bestätigt auch der Bauträger ÖVW in einer Stellungnahme an die Floridsdorfer Zeitung. Man übererfülle die gesetztlichen Vorgaben für das geförderte Nierigenergiehaus sogar: Denn laut den Vorgaben der Fernwärme würden in Wohn- und Schlafräumen +20°C und im Bad +24°C ausreichen: „Im Sinne des Mieterkomforts übererfüllen wir in unseren Gebäuden die Normwerte und gewährleisten folgende Raumtemperaturen: Wohn- und Schlafraum
+22°C, Bad +26°C! Eine Raumtemperatur von +22°C ist in keiner Weise eine vom ÖVW bestimmte Eingrenzung, sondern im Gegenteil eine Komforterhöhung – eine Vorgabe über den derzeit in Österreich gültigen Vorschriften.“

Alle Mieter seien davon vor Einzug informiert worden und daran werde laut ÖVW auch nichts geändert: „Im Sinne des klimabewussten Bauens „können wir eine weitere Erhöhung des Energieverbrauches durch nochmalige Erhöhung der Raumtemperatur nicht vornehmen“.

Aber darf das ein Bauträger bzw. ein Vermieter, wo doch ohnehin jeder Mieter seine eigenen Energiekosten selbst zu tragen hat? Auch wenn die Arbeiterkammer in einem Folder die ÖVW-Richtwerte bestätigt, heißt es dort auch: „Jeder muss für sich selbst herausfinden, bei welcher Temperatur er sich wohl fühlt.“ Individuelle Bedürfnisse und auch die Lage der Wohnungen machen einen Unterschied.

Ein Rechtsexperte der Arbeiterkammer sagt, dass zunächst mittels Gutachten geklärt werden müsse, ob „die durchschnittliche Brauchbarkeit“, der Wohnungen gegeben sei. Wenn nicht, könne man eine Mietzinsreduktion fordern. Eine Erhöhung der Temperatur müsse man wohl einklagen.

Die Bewohner haben zwei Versammlungen abgehalten und sammeln in der Anlage mit 276 Wohnungen Unterschriften,
circa 15% haben am ersten Tag unterschrieben: „Wir lehnen diese Zwangsbeheizung ab, wollen selber entscheiden, wie warm es in unseren Wohnungen sein soll und lassen uns nicht vorschreiben, wann uns warm zu sein hat.“ Von der ÖVW wird bis Ende November eine Anhebung der Maximaltemperatur gefordert.

Auch die MA 50, die für die Wiener Wohnbauförderung zuständig ist, wurde kontaktiert. Dort erhielt man laut facebook-Gruppe folgende Auskunft: „Es gibt keine Bestimmung oder ein Gesetz, in dem steht, dass man maximal 20 Grad in einem Wohnraum haben muss, kann oder soll.“ Wien Energie will sich, so ein Sprecher, den Fall ebenfalls ansehen.

Fazit: Die Schichtgründe könnten ein interessanter Präzedenzfall werden. Viel wichtiger: Hoffentlich wird für alle Mieter eine zufrieden stellende Lösung gefunden. -Hannes Neumayer