Nicht ausgelöscht, aber in Vergessenheit geraten

1001
Nach dem 2. Weltkrieg besucht Seitz den noch nicht nach ihm benannten Seitz-Hof. Das Transparent nimmt die spätere Benennung quasi vorweg. Bild: Spritzendorfer / WstlA.
Nach dem 2. Weltkrieg besucht Seitz den noch nicht nach ihm benannten Seitz-Hof. Das Transparent nimmt die spätere Benennung quasi vorweg. Bild: Spritzendorfer / WstlA.

Karl Seitz. In Floridsdorf und speziell in Jedlesee ist der Name dank des gleichnamigen Gemeindebaus weltberühmt. Über den ,Wahl-Floridsdorfer‘ ist vergleichsweise wenig bekannt. Alexander Spritzendorfer hat jetzt eine neue Biografie über den ,Bürgermeister des Roten Wiens‘ vorgelegt.

Seitz war zeitlebens kein Floridsdorfer, der engagierte Lehrer wurde es am Beginn des 19. Jahrhunderts quasi durch eine Wahl. Seitz kandidierte 1901 für den Reichsrat im damals fast das ganze Weinviertel umfassenden politischen Bezirk Floridsdorf. Der 1869 geborene Seitz musste gegen Franz Richter in eine Stichwahl. Dort setze er sich dank eines Deals mit den ,Schönerianern‘ und deren Kandidaten, dem Kaufmann Konrad Sild, denkbar knapp mit 2737:2689 Stimmen durch. Auch eine Wahlanfechtung des Floridsdorfer Bürgermeisters Anton Anderer blieb erfolglos und Seitz „fuhr im offenen Fiaker durch Floridsdorf und besuchte verschiedene Lokale“.

Es war der Start der politischen Karriere des begnadeten Redners. Er wurde noch vor dem ersten Weltkrieg auch in den niederösterreichischen Landtag gewählt. Wenig bekannt ist, dass Seitz 1919 – und nicht Karl Renner – als Präsident der Nationalversammlung auch erstes Staatsoberhaupt der jungen Republik war. Bereits wenige Monate zuvor wurde er Nachfolger von Victor Adler als Parteivorsitzender der Sozialisten.

Am 24. November 1923 wurde Karl Seitz als Nachfolger von Jakob Reumann Bürgermeister von Wien. Er blieb es über zehn Jahre – ohne Austro-Faschismus wohl noch wesentlich länger. Seitz Periode prägte maßgeblich den Begriff ,Rotes Wien‘: 60.000 Gemeindebauwohnungen in 348 Wohnanlagen entstanden – z.B. Marx-, Engels- und Rabenhof. Spritzendorfer: „Seitz Motto war: ,Der Bürger will als Mensch und nicht als Akt behandelt werden‘. Bei der Angelobung neuer Gemeindebediensteter sagte er: ,Ich bemerke, dass einige von Ihnen sich bemüßigt gesehen haben rote Nelken oder Parteiabzeichen anzustecken. Ich kann das nicht dulden! Sie stehen hier nicht im Dienste einer Partei, sondern im Dienste der Allgemeinheit‘“.

Spritzendorfer beleuchtet ausführlich die Konflikte der Zwischenkriegsjahre rund um die Jahre 1927 und 1934 und schildert eindringlich die Rückkehr Seitz‘ aus der Kriegsgefangenschaft. Nachteil für jeden Biografen: Die meisten persönlichen Unterlagen von Karl Seitz wurden im 2. Weltkrieg vernichtet.

Heute ist in Jedlesee die Gartenstadt nach Seitz benannt, ebenso Vorplatz und Park, in dem sich auch eine Büste befindet. Im Rathaus-Park gibt es ein Seitz-Denkmal, am Alsergrund eine Gedenktafel. Im Vergleich zu anderen bedeutenden Politikern ist der zu Lebzeiten umjubelte Seitz wenig in der öffentlichen Erinnerung und im Bewußtsein verankert. Spritzendorfer: „Vielleicht war es seine selbstlose Art, seine Person hinter die Sache zu stellen? Vielleicht war es der Umstand, dass Seitz mehr gelesen als geschrieben hat? Vielleicht war es die Tatsache, dass sich seine Lebenszeit fast gänzlich mit Karl Renner deckt? Seitz selbst meinte in einem BBC-Interview 1945: „Wenn man mich schon nicht auslöschen konnte, so mußte man doch trachten, mich hier in Vergessenheit geraten zu lassen.“ -Hannes Neumayer

Karl Seitz: Bürgermeister des Roten Wien – Eine Biografie von Alexander Spritzendorfer. 272 Seiten, Falter Verlag.