„Pendler in Niederösterreich auf die S-Bahn bringen“

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Fotos: AK/Lisi Specht.
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DFZ-Interview mit AK-Experten Thomas Ritt über bessere S-Bahn-Intervalle, Park & Ride-Anlagen, uvm.

 Fotos: AK/Lisi Specht.
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Die Abeiterkammer hat vor wenigen Wochen ihre Forderungen zur Stärkung der S-Bahn in Wien präsentiert. Wir haben mit Thomas Ritt, Leiter der Abteilung Kommunalpolitik der AK Wien gesprochen.

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Herr Ritt, Floridsdorfer fühlen sich manchmal wie das Stiefkind der Stadtpolitik. Der 31er braucht zum Beispiel heute länger zum Schottenring als vor 100 Jahren. Wie kann das sein?

Ritt: Der 31er ist früher zwar auch durch die ganze Stadt gefahren, aber weite Strecken durch Felder. Heute fährt er durch dichtverbautes Gebiet mit mehr Stationen. Fahrgästen geht es auch mehr um Verlässlichkeit und Pünktlichkeit und das Reduzieren der Betriebsstörungen. Das ist wichtiger als vier Minuten schneller zu sein.

Ein unendliches Thema ist die Verlängerung der U6 nach Stammersdorf.

Die U6-Diskussion gibt es schon sehr lange. Bei der Beurteilung geht es um Fahrgastströme und Fahrgastaufkommen. Und U-Bahn-Bau kostet viel. Vielleicht wäre es in Floridsdorf etwas günstiger, weil die Streckenführung zumindest teilweise oberirdisch wäre. Aber natürlich ist es verständlich, dass sich Floridsdorfer fragen, warum in Bezirken in denen schon vier oder fünf U-Bahnen fahren jetzt auch noch die U5 gebaut wird.

Die Arbeiterkammer setzt stark auf die S-Bahn.

Hier wäre auch in Floridsdorf noch einiges drinnen. Mehr Haltestellen, bessere Intervalle.

Die Schnellbahn ist aber nicht bei allen beliebt, warum?

Ein Hauptproblem ist, dass die Schnellbahnen mit den falschen Garnituren fahren. Speziell in den doppelstöckigen Garnituren mit nur zwei Türen muss die Schnellbahn oft zwei Minuten in der Station verbringen, das Ein- und Aussteigen dauert zu lange. Haben Sie das bei einer U-Bahn schon mal gesehen?

Auch schon ewig wird über Park-&-Ride-Anlagen – zum Beispiel in Strebersdorf diskutiert.

Park & Ride ist keine Lösung. Die Pendler müssen bereits in Niederösterreich auf die Schnellbahn gebracht werden. Aus dem Süden Wiens pendeln 80 Prozent mit dem Auto nach Wien, auch im Norden sind es noch 30 bis 40 Prozent. Wenn man also eine Park-and-Ride-Anlage mit 250 Plätzen baut, muss man bedenken, dass das gerade einmal ein halber U-Bahn-Zug ist.

Carsharing-Dienste lassen Floridsdorf oft links liegen, benutzen aber öffentliche Abstellplätze.

Öffentliche Flächen so günstig für Stellplätze abzugeben, halte ich für keine glorreiche Idee.

Wenn sich Floridsdorfer bei der Verkehrsinfrastruktur etwas vergessen fühlen – ist das eine Verschwörungstheorie oder real?

Viele Diskussionen, was die Stadt braucht, sind natürlich innerstädtisch geprägt. Die Medien haben sich zum Beispiel tagelang damit beschäftigt, ob der neue Steg über den Wienfluss Freundschaftssteg heißen soll. Dabei ist das völlig wurscht. Und in diesen Diskussionen bleiben die großen Bezirke oft über, der Fokus scheint aus Floridsdorfer Sicht über der Donau zu liegen.

Ein weiteres Thema ist der umfangreiche Wohnbau im Bezirk – nicht Alle sind glücklich.

Die Veränderung in Floridsdorf geht rasant schnell – natürlich sorgt das für Gefühlswallungen. Mit dem Wohnbau müssen auch soziale Einrichtungen, Kultur, Bibliotheken wachsen. Aber grundsätzlich bin ich schon dafür, auch Flächen wie das Donaufeld, wo jetzt Glashäuser stehen, zu verbauen. Wir müssen nicht der größte Gurkenexporteur nach Großbritannien sein.

Warum wird gerade im 21. Bezirk so viel gebaut?

Flächen für geförderten Wohnbau dürfen nicht mehr als 270 bis 300 Euro pro Quadratmeter kosten. In innerstädtischen Bezirken bekommt man keine Flächen zu solchen Preisen. In Flächenbezirken wie Liesing oder Floridsdorf schon – deshalb findet geförderter Wohnbau hauptsächlich in diesen Bezirken statt.

In die Seestadt fährt die U2, ins Donaufeld soll eine Bim umgeleitet werden. Dabei werden im Donaufeld circa 2/3 der Einwohner der Seestadt leben. Stimmt da die Relation?

Die Seestadt ist für die Stadt Wien ein Vorzeigeprojekt. Natürlich sollte es auch im Donaufeld eine hochrangige Verkehrsanbindung geben. Es muss aber nicht immer eine U-Bahn sein. Hier wäre sicher eine beschleunigte, bevorrangte Straßenbahn auf eigenen Trassen ein Thema. Innerstädter machen sich ja über Floridsdorfer lustig, dass sie Autonarren sind. Es ist aber verständlich, dass die Menschen sagen, ‚ich fahre lieber mit dem Auto‘, wenn die Wege so weit sind.

Gerade Außenbezirke wie Floridsdorf leiden unter der mangelnden Zusammenarbeit mit Niederösterreich.

Leider haben wir Bundesländer. Die Trennung von Wien und Niederösterreich 1921 war ein Fehler, ohne den wir uns heute bei Infrastruktur, Verkehr und Wohnbau leichter tun würden. Ein Problem: der Finanzausgleich. Der sagt zwischen den Zeilen: Seid böse zueinander. Also wird in Niederösterreich das G3 gebaut, um Kaufkraft abzuziehen. Es müssten Anreize geschaffen werden, damit sich die Bundesländer kooperativer verhalten und Erträge teilen.
Interview: Hannes Neumayer

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