Sonntag, 12. April, 2026
Start 3/2026 Radweg Brünner Straße: Rettung oder Untergang?

Radweg Brünner Straße: Rettung oder Untergang?

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Entwurf von Robert Sturm (cordbase.com) für die DFZ: So ähnlich wird der Radweg - zur optischen Verdeutlichung grün - auf der Brünner Straße 2027. Die Bäume wird es exakt so wie am Bild nicht geben.
Entwurf von Robert Sturm (cordbase.com) für die DFZ: So ähnlich wird der Radweg - zur optischen Verdeutlichung grün - auf der Brünner Straße 2027. Die Bäume wird es exakt so wie am Bild nicht geben.

Die Ankündigung des Baustarts des Radwegs Brünner Straße nach dem Spitz sorgt für Jubel bei Radlern. Und für Schnappatmung bei Auto-Fans. Auch von betroffenen Geschäftsbesitzern gibt es Beschwerden. Die Analyse der DFZ.

Fakt ist: Alle müssen sich mit dem Radweg anfreunden. Im Mai starten die Arbeiten, die etwas mehr als ein Jahr dauern werden. Laut Wirtschaftskammer (WKW) werden rund 70 Parkplätze wegfallen. Da das „für viele der ansässigen 80 Betriebe eine erhebliche Herausforderung“ darstellt, hat die WKW – vergeblich – Protest eingelegt.

Wieviele Parkplätze fallen weg?

Auf der rechten Seite der Brünner Straße werden bis auf etwa sieben Stellplätze beim Lötsch-Hof alle wegfallen. Vis a vis vom Eisgeschäft und beim Paul-Hock-Park werden gesamt sieben zusätzliche Stellplätze geschaffen. Ladezonen und Taxistandplatz kommen in Seitengassen. In Summe gehen 55-60 Parkplätze verloren. Im Projektgebiet gibt es etwa 1.150 Stellplätze, es bleiben also noch immer 1.080 Stellplätze, rechnet die Radlobby vor: „94% der Stellplätze bleiben erhalten.“ ÖAMTC-Verkehrsexperte Matthias Nagler erwartet eine Verbesserung des Verkehrsflusses. Der Verlust von Stellplätzen ist aus Sicht der Betroffenen vor Ort ärgerlich, aber nachvollziehbar: „Aufgrund der Kurzparkzone mit Einkaufsstraßenregelung stehen die Stellplätze untertags auch aktuell den Anwohnern nur begrenzt zur Verfügung.“

Beim beliebten Eisgeschäft ist man über den Radweg vor der Tür nicht begeistert. Viele Kunden kämen nach der Arbeit am Heimweg mit dem Auto. Der Eissalon Raffaello auf der Mariahilfer Straße hätte in einem vergleichbaren Fall 30 % Umsatzeinbußen gehabt. Dennoch wollen die Peruginis das beste aus der Situation machen. Sie haben eine Abgrenzung vor ihrem Eissalon ähnlich wie vor Schulen beantragt, um Konflikte mit dem Radweg zu vermeiden.

Marco (kl.B.) Perugini. Bild: Privat.
Marco (kl.B.) Perugini. Bild: Privat.

Andere Geschäftsbesitzer äußern sich auf sozialen Medien entsetzt. Andererseits: Schon vor Monaten hat die WKW betroffene Betriebe informiert, um Probleme und Wünsche zu schildern. Nicht ein einziger Betrieb hat sich gemeldet! Katharina Graber, Bezirksobfrau für Floridsdorf der Wirtschaftskammer Wien findet den Radwegausbau „prinzipiell in Ordnung, es müssen aber die Interessen der ansässigen Unternehmer stärker berücksichtigt werden“.

Gehen ohne Parkplätze die Geschäfte zugrunde?

„Die Mariahilfer Straße zeigt deutlich, wie eine Einkaufsstraße von Verkehrsberuhigung profitieren kann. Auch die Praterstraße erfreut sich nach Umgestaltung und Begrünung über regen Zuspruch und hohe Frequenz“, sagt Martin Blum, von der Mobilitätsagentur der Stadt Wien. VCÖ-Sprecher Christian Gratzer: „Verkehrsberuhigung stärkt die Geschäfte und den Einzelhandel. Wo sind mehr Geschäfte, wo gehen mehr Leute einkaufen? In verkehrsberuhigten Straßen, Fußgängerzonen oder in Straßen mit viel Autoverkehr? Ein Verkehrswissenschafter sagte einmal treffend: ,Menschen kaufen ein, nicht Autos.‘“

So soll der Radweg Brünner Straße 2027 nach der Weisselgasse aussehen. Bild: zoom.vp / Mobilitätsagentur.
So soll der Radweg Brünner Straße 2027
nach der Weisselgasse aussehen. Bild: zoom.vp / Mobilitätsagentur.

Gibt es Alternativrouten zur Brünner Straße?

Online fordern viele Autofahrer Alternativrouten, etwa parallel durch die Gerichtsgasse oder die Schleifgasse. Dazu müsste man erst eine Verbindung zur Gerichtsgasse herstellen und für einen echten baulich getrennten Radweg erst recht alle Parkplätze auf einer Seite wegnehmen: In Summe um die 100. Und die Durchfahrt zum SCN durch die Post über ein Privatgrundstück ist illegal. Ähnliches gilt für die Route Schleifgasse, Lottgasse und Werndlgasse.

Ist Floridsdorf noch ein Auto-Bezirk?

Nein, wenn es nach den Zahlen des VCÖ geht: 32 % ihrer Alltagswege legen die Floridsdorfer mit den Öffis zurück, 29 % zu Fuß, 19 % ein Auto lenkend, neun % mit dem Fahrrad, acht % im Auto mitfahrend.

Sind Autofahrer die Melkkuh der Nation?

Laut Radlobby-Sprecher Roland Romano ist das „widerlegt. Laut Masterplan Radfahren gibt es einen Gesundheitsnutzen von 0,54 € pro geradeltem Kilometer“. Einfach ausgedrückt: Radfahrer leben gesünder und sind fitter, entlasten das System finanziell, Betriebe haben weniger Krankenstände. Räder verursachen keine Abgase, weniger Lärm und keine Staukosten. Außerdem: „Die Straßeninfrastruktur wird aus dem allgemeinen Steuertopf bezahlt, in den Menschen unabhängig vom gewählten Verkehrsmittel einzahlen“, sagt Blum.

Gibt es in anderen Ländern eine Haftplichtversicherung und Kennzeichen für Radfahrer?

Es gibt weltweit kein Land, das eine Kennzeichenpflicht für Fahrräder hat. „Viel Bürokratie stünde einem geringen Nutzen gegenüber“, so Blum. Laut ÖAMTC wurde in der Schweiz eine Haftpflichtversicherung inklusive Versicherungsplakette vor vielen Jahren wieder abgeschafft.

Wo parken Einsatzkräfte wie Polizei und Rettung?

Der ÖAMTC sagt: „Da sich im Bereich des fließenden Verkehrs nichts ändert und der Gleiskörper der Straßenbahn befahrbar ist, werden keine Beeinträchtigungen erwartet.“ Gratzer ergänzt: „Im äußersten Notfall kann eine Feuerwehr oder Rettung einen Radweg nutzen, über parkende Autos können sie nicht fahren.“

Egal ob ÖAMTC, VCÖ, Mobilitätsagentur, Radlobby oder Wirtschaftskammer – niemand lehnt den Radweg auf der Brünner Straße ab. -Hannes Neumayer