Streifzüge entlang der Brünner Straße

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Gerald Pichowetz. Bild: Gloria Theater.
Gerald Pichowetz. Bild: Gloria Theater.
Stein

Fährt man die Brünner Straße stadtauswärts, so fällt einem vor Unterquerung der Schnellbahnstrecke rechter Hand der vor wenigen Jahren neu erstandene Bau des Ford Händlers „MVC Motors“ ins Auge. Vielen Floridsdorfern wird auch noch der Name „Ford Königer“ ein Begriff sein.

Vor mehr als 100 Jahren jedoch befand sich hier, gegenüber der Lokomotivfabrik, eines der vielen Unternehmen, die ihr damals prosperierendes Dasein als Zulieferer eben dieser Lokomotivfabrik verdankten. Die „Schrauben- und Schmiedewaren-
Actiengesellschaft Brevillier & Co und A. Urban & Söhne“, von der ich Euch heute berichten möchte, war Mitte des 19. Jahrhunderts einer der größten Schraubenhersteller der Welt.

Eine Wurzel des Unternehmens findet sich in den Familien Brevillier und Trenk von Tonder, die um 1800 in Schwadorf eine Spinnweberei gegründet hatten. Karl Brevillier errichtete 1823 eine Holz- und Metallschraubenfabrik im niederösterreichischen Neunkirchen und stieg später auch in den Eisenbahnbau ein. Als nach dem Tod von Karls Bruder Ludwig dessen Neffe Heinrich Trenk von Tonder die Leitung übernahm, versuchte dieser im Jahr 1863 zusätzlich eine Bleistiftproduktion aufzubauen. Doch die nachfolgende Generation zeigte weniger Interesse am Unternehmen, zog sich mehr und mehr vom Geschäft zurück und man fusionierte 1900 mit der Firma „A. Urban & Söhne“.
Anton Urban hatte mit 24 Jahren im Revolutionsjahr 1848 die Nagelschmiedwerkstätte seines Vaters am Mittersteig übernommen und begann Schrauben, Muttern und Nieten zu produzieren.

Der neue Betrieb florierte zusehends und musste aus Platznot mehrmals in Neubauten übersiedeln. Erst 1883 fand man eine geeignete Heimstätte durch den Ankauf des stillgelegten Stahlwerkes der österreichischen alpinen Montangesellschaft in Floridsdorf. Das neue Werk hatte 450 Maschinen für Dampf- sowie Handbetrieb und eine Dampfmaschine mit 120 PS in Verwendung und beschäftigte 450 Arbeiter, deren Zahl bis 1898 auf 730 stieg und im Ersten Weltkrieg die unglaubliche Zahl von 5000 erreichte.

In der Zwischenkriegszeit änderten sich durch internationale Partnerschaften die Besitzverhältnisse, das Unternehmen produzierte verstärkt im Ausland und 1931 schloss das ehemalige Urban-Werk in Floridsdorf schließlich seine Pforten.

Euer Gerald Pichowetz