Stürmische Zeiten

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Leopold Klager. Bild: DFZ.
Leopold Klager. Bild: DFZ.

Es ‘herbstelt’ und das bedeutet auch: Stürmische Zeiten. In normalen Jahren wären in Stammersdorf jetzt die ‘Stürmischen Tage’ – doch die sind wieder abgesagt. Sturm gibt es bei den Floridsdorfer Heurigen natürlich trotzdem. Wir haben mit drei Winzern aus Stammersdorf, Jedlersdorf und Strebersdorf gesprochen: Wie geht es unseren Winzern in den ‘Stürmischen Zeiten’?

Die Lese am und rund um den Bisamberg hat längst begonnen. Wir haben Leopold ‘Poldi’ Klager (Bild oben), Obmann der Stammersdorfer Winzer, in seiner Riede ‘In den Gernen’ getroffen. Der Muskateller, eine frühe Sorte wird bereits geerntet. „Schon vor 70 Jahren hat hier meine Tante Maria Klager einen Gmischten Satz angebaut. Wir haben vor Jahren gerodet und 40 Prozent Muskateller und 60 Prozent Rest Weißburgunder-Trauben gesetzt. Der Boden ist tiefgründig, sehr kühler Grund – da wird die Fruchtigkeit sehr ausgeprägt.“

Stein

Die letzten Wochen waren für Winzer und ihre Trauben perfekt. Viel Regen im August und dann noch ein toller Altweibersommer – oder wie Winzer das nennen: „Auf die alten Weiber ist Verlass!“

Seinen Muskateller-Sturm bezeichnet Klager selbst als „Meilenstein, für den der Winzerhof Leopold in den letzten Jahrzehnten berühmt geworden ist.“ Und wenn die blauen Trauben reif werden, gibt es auch
einen Merlot-Sturm.

Vor 50 Jahren hat man Sturmtrinkern mit dem Sturm der heute produziert wird keine Freude bereitet – der war herber bzw. „safiger“. Früher war bekanntlich alles anders: „Wir hatten in der Sturm-Zeit Gäste, die sind jeden zweiten Tag gekommen und haben neun oder zehn Viertel Sturm getrunken. Die sind auch sonst das ganze Jahr nicht zum Heurigen gekommen.“

Sturm hat übrigens auch für die Damen, so Klager, einen tollen Nebeneffekt: „Sturm hat enorm viele Hefezellen. Die wirken hautreinigend und tun der Verdauung gut. Es gibt in den Apotheken viele teure hefehaltige Präparate, die bei Hautunreinheiten helfen. Ein Viertel Sturm hat mindestens genauso viele Hefezellen und schmeckt bedeutend besser!“

Karl Lentner bei der lese. Bild: Privat.
Karl Lentner bei der lese. Bild: Privat.

In Jedlersdorf freut sich Karl Lentner (Bild links) über „sehr gesundes Traubenmaterial und sehr fruchtbetonte, nicht so schwere Weine“. 2021 ist der Lesetermin wie vor 25 Jahren, nämlich 14 Tage später als in den letzten vom Klimawandel beeinflussten Jahren. Lentner: „Für den Wein ist das besser. Der September war bisher perfekt, viel Regen ist für den Weingarten gut. Aber wir hatten auch einen Wasserschaden im Heurigen.“

»Man soll in einer Saison so viele
Viertel Sturm trinken, wie man alt ist.
Als unterste Latte!«

Poldi Klagers Spezial-Winzer-Tipp
Leopold Klager. Bild: DFZ.
Leopold Klager. Bild: DFZ.

Den ‘Sturm’ – ein Zwischenprodukt zwischen Most und Jungwein – geht Lentner anders an als Kollege Klager: „Der kann
alles sein, je nachdem wieviel von welchen Trauben wir haben. Haben wir wenig Riesling, ist kein Riesling im Sturm.“ Insgesamt produziert er 1.200 Liter Sturm, von süßer bis herber. Vor 25 Jahren waren es noch 3.000 Liter. „Damals gab es Sturm nur bei Heurigen, jetzt in jedem Wirtshaus, am Würstelstand oder im Supermarkt. Und das von August bis Dezember.“

Ein Stück weiter in Strebersdorf ist auch Ernst Strauch zufrieden: „Der Wein hängt schön in der Sonne. Die Tage sind warm, die Nacht kalt: perfekt. Die Weine werden fruchtig, bekömmlich, eher leicht und ausgezeichnet zu genießen sein!“ Beim Strauch gibt es nicht nur Most Sturm, sondern bald zum Gansl auch ‘Staubigen’. Am 28. November wird ein Alter Strebersdorfer Brauch, der in den 90ern wiederbelebt wurde gefeiert: Valedri. Strauch: „Jeder Gast bekommt ein gratis Glas, weil er so brav das ganze Jahr zu uns nach Strebersdorf gekommen ist. Die Strebersdorfer Dorfmusik spielt zum Buschenverbrennen – am Bisamberg – früher Valedri genannt – ihre Weisen.

Die letzten eineinhalb Jahre waren für die Winzer, die meisten betreiben auch einen Heurigen, ein Wechselbad der Gefühle zwischen Lockdowns und Öffnungen. Am Ende sind die Unterstützungszahlungen der Regierung angekommen, so konnten zumindest Verluste verhindert werden. Viele haben den Online-Handel entdeckt, Wein-Abholung und Lieferung ausgebaut oder wie Poldi Klager den Gspritzen to go erfunden. Komplette Heurigen-Schließungen gab es in Floridsdorf keine: Sammer in Stammersdorf und Bernreiter in Jedlersdorf haben aber nicht mehr regelmäßig ausg’steckt.

Akute Sorgen um ein Heurigensterben in Stammersdorf müsse sich niemand machen, meint Klager, „weil etwa in der Kellergasse viele neue Lokale geöffnet haben in den letzten Jahren“. Oliver Kaminek mit dem Biohof No.5, das Presshaus Steindl, Duschl, Ausblick Wien, der Weinkeller, Jazzfass und auch eine Pizzeria …

Bei Karl Lentner liefen August und September „sehr gut“. Und das obwohl heuer die Jedlersdorfer – Karl und Richard Lenter und Christ gleichzeitig geöffnet hatten: „Unsere Gäste sind zu 90% geimpft, es gab keine Probleme. Spannend wird es natürlich wie es für Veranstaltungen drinnen weitergeht.“ Denn die Gäste fragen schon wegen Gansln an. Die Hoffnung ist: Heuer eine Ganslzeit ohne Lockdown, denn Weihnachtsfeiern werden eher ausfallen.

Die Strebersdorfer Bilanz von Strauch: „Außer Freitag bis Sonntag war tote Hose. Aber der Juli war nicht so schlecht, September okay. Ich hoffe, es kommt nicht 3G und testen – das wäre eine Katstrophe. Die Leute wollen nicht jeden Tag testen.“

Ernst Strauch fürchtet mit März 2022 eine nächste Katastrophe auf die Heurigenorte zukommen: Das Parkpickerl. „20 – 30% unserer Gäste sind Niederösterreicher, viele kommen aus anderen Wiener Bezirken. Keiner will beim Heurigenbesuch sechs Euro fürs Parken extra bezahlen. In Buschenschankgebieten sollten Ausnahmen geschaffen werden.“

Offen ist, ob es 2022 nach zwei Jahren Pause wieder die beliebten Weinfeste in Stammersdorf geben wird. Doch jetzt heißt es, die positiven ‘stürmischen Zeiten’ zu genießen: Ein netter Spätsommerspaziergang in den Weinbergen mit Heurigen- und Buschenschankbesuch(en) und einem guten Glaserl Sturm, Most oder Wein. -H.N.