Verschwunden, aber nicht vergessen …

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Fächer mit der Rotunde. Bild: Wien Museum, Inventarnummer M 1917.
Fächer mit der Rotunde. Bild: Wien Museum, Inventarnummer M 1917.
Stein

„Viel umstritten, oft gescholten, bemängelt und kritisiert“ und „Erinnerungen an festliche, an frohe Stunden“ hieß es im Nachruf. Was in Wien schon mal auf Künstler wie Mozart oder Falco zutrifft, die Wertschätzung setzt erst mit dem Tod ein, kann auch für Gebäude gelten: Der Rotunde im Prater widmen der Floridsdorfer Autor Matthias Marschik und Michaela Pfundner ein neues Buch.

Schon der Start der Rotunde im Prater zur Weltausstellung 1873 war kein guter: Wenige Wochen nach der Eröffnung brach eine Weltwirtschaftskrise aus, statt 20 Millionen Besuchern kam nur ein Drittel. Letztlich fehlte sogar das Geld zum Abriss. Und die Wiener hatten gleich einige liebevolle Bezeichnungen für das 84 Meter hohe Gebäude parat: Gugelhupf, Käseglocke oder Rückenpanzer einer Schildkröte.

Dennoch sollte die Rotunde neben der Trabrennbahn 64 Jahre stehen und bis zur finalen Brandkatastrophe 1937 ein letztlich schmerzlich vermisstes Wahrzeichen werden. Die 4.000 Tonnen schwere Stahlkonstruktion galt als die größte ihrer Zeit und beherbergte unzählige Veranstaltungen: Im Rahmen der ‚Kaiser Franz Joseph Jubiläumsausstellung‘ waren erstmals internationale Automobilkonzerne zu Gast, später der Zirkus Barnum Bailey, sogar Radrennen und ein Boxkampf wurden ausgetragen.

1921 fand erstmals die Wiener Internationale Messe statt. 1936 gab es noch den Plan, hier das Staatsarchiv anzusiedeln. Im September 1937 war die auch aus 400 Tonnen Holz bestehende Konstruktion rasch abgebrannt.

Cover Die Rotunde. Bild Verlag Winkler Hermaden.
Cover Die Rotunde. Bild Verlag Winkler Hermaden.

„Während die Rotunde stand, gab es kaum einen positiven Artikel über sie. Aber sie war noch nicht mal fertig abgebrannt, hieß es ‘Um Gottes Willen, was machen wir jetzt?‘ Und sofort gab es irrsinnig rasch einen Wettbewerb, wie das neue Gebäude aussehen soll“, erzählt Marschik. Der Gugelhupf war auch in der ersten Republik, der viele die Lebensfähigkeit abstritten, von vielen Orten in Wien gut sichtbar: „Und ganz oben thronte auf der Rotunde noch immer die Kaiserkrone.“

Heute erinnert noch die in den 50ern erbaute Rotundenbrücke über den Donaukanal und die schlangenlinien-artig verlaufende
Rotundenallee an das einstige Wahrzeichen.

‚Die Rotunde‘ ist eine liebevolle Zeitreise: Nicht nur zu einem verschwundenen Wiener Wahrzeichen. Sondern auch zu allerhand weiteren historischen und bestehenden Raritäten unserer Stadt: Der Weg um die Rotunde streift Monarchie und Erste Republik, Klein-Venedig und Liliputbahn oder die frühe Luftfahrt.
Infos: Die Rotunde. Ein verschwundenes Wiener Wahrzeichen – Von der Weltausstellung 1873 bis zum Brand 1937. Von Matthias
Marschik und Michaela Pfundner. 128 Seiten. € 22,90.