’Wiener Wohnen’ als Pfusch am Bau

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Baustelle der Siedlung Jedlesee. Bild: DFZ.
Baustelle der Siedlung Jedlesee. Bild: DFZ.

‘Sanierungsskandal Jedlesee‘, ‘Sanierungs Terror Siedlung Jedlesee’ oder ‘Horror im Gemeindebau’ sind nur einige der wenig schmeichelhaften Beschreibungen für das, was seit 2016 in der Mega-Gemeindebauanlage Jedleseer Straße 79 – 95 passiert. Mieter und WIFF – Wir für Floridsdorf fordern Zinsreduktion bzw. Rückzahlung für alle Betroffenen.

Die Floridsdorfer Zeitung betitelte ihren Bericht 2019 als ‘Albtraumsanierung’. Wer an mediale Übertreibungen glaubt – ein Besuch in der Anlage am Ende der Jedleseer Straße mit 131 Stiegen und circa 1.200 Wohnungen belehrt einen eines Besseren. „So stellt man sich eine Baustelle im tiefsten Balkan vor achtzig Jahren vor“, so ein Betroffener. Aufgeräumt sollte selbst bei einer Baustelle
anders aussehen.

Stein

Rückblick: 2014 flatterte den Mietern ein Brief in den Postkasten, noch im gleichen Jahr sollte die Generalsanierung starten. 90 alte Wohnungen würden auf Kategorie-A-Standard angehoben „mit Parkettboden, zeitgemäßem Bad und Etagenheizungen ausgebaut, welche bereits an die neuen Mieter vergeben wurden“, so Wiener Wohnen. 120 neue Dachgeschoßwohnungen sollen aufgesetzt werden.

Schimanek (links) und Herr Pavlasek. Foto: Privat.
Schimanek (links) und Herr Pavlasek. Foto: Privat.

Viele Bewohner zogen schon 1949 in die damals nigel-nagel-neue Anlage und der Sanierungsplan mit neuen Fenstern und neuem Dach sorgte für Freude: „Aber das ist ein Albtraum.“ Wirklich los ging es im April 2015. Geplant war, selbst bei leichtem Verzug, 2020 fertig zu sein. Jetzt spricht Wiener Wohnen vom 2. Quartal 2024. 80 der 131 Stiegen wären fast ganz abgeschlossen.
Von den Mietern will den Zeitplan kaum jemand glauben. Artur Pavlasek: „Wenn die Sanierung in diesem Tempo weiter geht wird die Fertigstellung in etwa 2030 sein. Es sind ja immer nur 20 Bauarbeiter hier.“ Er hat die Facebook-Gruppe ‘Sanierungs Terror Siedlung Jedlesee’ gegründet.

Die Vorwürfe der Mieter: Schon 2017 kam es zu Wasserschäden in Wohnungen. Sintflutartig bahnte sich das Wasser seinen Weg sogar durch Glühbirnenfassungen! Auf die korrekte Montage des Blitzschutzes bei fertigen Bauten wurde vergessen, „jeder Hobbybastler hätte die Verkabelung im Keller professioneller verlegt“, neue Balkone haben nach wenigen Wochen Flugrost. Frau W. zur DFZ: „In der ganzen Anlage liegt Dreck herum, Bauschutt wird einfach vom Dach geschmissen. Selbst Samstag wird früh gearbeitet: An Fernsehen oder gar Schlaf ist kaum noch zu denken!“

Bei Wiener Wohnen verweist man darauf, dass es sich um eine komplexe Bestandssanierung handelt: „In dieser Größenordnung kommt es zwangsläufig zu unerwarteten Ereignissen, die auch umfangreiche Auswirkungen auf die Bauzeit haben.“

'Professioneller' kabelsalat im Keller. Bild: Privat
‚Professioneller‘ kabelsalat im Keller. Bild: Privat

Was die Mieter neben Schmutz und Lärm am meisten stört bringt Herr Pavlasek am Punkt: „Statt eine Stiege nach der anderen
fertig zu machen, wird bei manchen am Dach begonnen, während bei zig Stiegen nur Trockenmauern, Ausmalen oder Fließen fehlen und deswegen der Aufzug nicht fährt.“ Hinter vorgehaltener Hand wollen Mieter von Arbeitern von statischen Problemen in den fertigen aber noch nicht vergebenen Dachgeschosswohnungen gehört haben. Wiener Wohnen dementiert das nicht, will aber die ersten Wohnungen heuer vergeben.

Und Anrainer erzählen von Schildbürgerstreichen: Wie behindertengerechte Rampen zur Haustür, aber der Aufzug wäre wenig behindertengerecht erst im Halbstock erreichbar. Das bestätigt Wiener Wohnen: „Die Bestandswohnungen sind mit dem Aufzug nur über den Halbstock erreichbar. Jedoch ist der neu errichtete Aufzug eine massive Erleichterung für gehbeeinträchtigte Menschen.“

WIFF-Bezirksrat Hans Jörg Schimanek fordert als Ausgleich für den jahrelangen Verlust der Lebensqualität für rund 3.000 Bewohner eine 50-prozentige Reduktion des Mietzinses: „Die Bewohner müssen auf einer großen Dauerbaustelle unter höchster Lärm- und Staubbelästigung leben. Hier hat ein unfassbares Missmanagement Platz gegriffen und es ist nicht nachvollziehbar, dass bei Wiener Wohnen nicht längst personelle Konsequenzen erfolgt sind.“

Ein WIFF-Antrag auf Mietzinsreduktion in der Floridsdorfer Bezirksvertretung wurde zu Schimaneks Empörung vom SPÖ-Vorsitzenden Gernot Nachtnebel nicht zugelassen, „weil das Sache der Gerichte wäre“. Wiener Wohnen meint: „Entsteht durch die Sanierung ein konkreter Schaden in einem Mietobjekt, gibt es die Möglichkeit einer Mietzinsminderung. Voraussetzung ist eine persönliche Betroffenheit.“

Auch im September 2021 kam den Mietern wieder Wasser von der Decke entgegen. Bild: Privat
Auch im September 2021 kam den Mietern wieder Wasser von der Decke entgegen. Bild: Privat

Die Mieter berichten derweilen vom jüngsten Problem Mitte September: Auf einigen Hausdächern wird an der Erneuerung der Kaminhausgänge gearbeitet. Auf die sorgfältige Abdeckung der Dachbaustellen gegen Regen wurde vergessen. Das Ergebnis: Den Mietern floß durch die Kamintüren eine dickflüssige braune Brühe direkt in die Wohnungen, schildert Pavlasek. „Auch durch die Decken gelangte Regenwasser von den schlecht abgedeckten Dachbaustellen direkt in die Wohnungen“, so Schimanek fassungslos.

Die Mieter wünschen sich eine Ruckzuck-Fertigstellung inklusive neuer Haustüren und funktionierender Gegensprechanlagen. Und dass die Baumaschinen verschwinden. Fazit eines Mieters: „Schreiben’s, das ist Wohnen in Wien bei ‘Wiener Wohnen’ als Pfusch am Bau!“ H.N.