Donnerstag, 11. Juni, 2026
Start 5/2026 Wir sind noch immer „so weit draußen“

Wir sind noch immer „so weit draußen“

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Schon ab 1886 konnte man mit der Dampftramway vom Franz-Josefs-Kai bis nach Floridsdorf und weiter nach Stammersdorf oder Groß-Enzersdorf fahren. Foto: WienMuseum, Sign. 94600/107.
Schon ab 1886 konnte man mit der Dampftramway vom Franz-Josefs-Kai bis nach Floridsdorf und weiter nach Stammersdorf oder Groß-Enzersdorf fahren. Foto: WienMuseum, Sign. 94600/107.

Im Dezember 2025 schrieb der Musikkritiker der Stadtzeitung „Falter“, Gerhard Stöger, nach einem Besuch im Donaustädter „Orpheum“: Er müsse „kleinlaut gestehen: Transdanubien ist näher, als man glauben möchte, die Anreise aus Ottakring dauert bei zweimal Umsteigen gerade einmal 45 Minuten.“ Der in Kärnten geborene Stöger, der schon lange in Wien lebt, hat für diese Erkenntnis Jahrzehnte gebraucht – aber immerhin! Viele andere Wienerinnen und Wiener haben diese Erfahrung bis heute nicht gemacht.

Die Wurzeln des Problems gehen weit zurück. Virulent wurden sie aber erst, als Floridsdorf nicht Hauptstadt von Niederösterreich wurde, sondern nach dem Willen Karl Luegers 1905 nach Wien eingemeindet wurde, weil er nicht auf das ökonomische Potential verzichten wollte. Seitdem ist Floridsdorf ein ungeliebtes Anhängsel Wiens, Produktionsort, Schlafstadt und Erweiterungsgebiet.

Dass das Problem erkannt – aber nicht behoben – wurde, sollen zwei Zitate aus der Nachkriegszeit belegen. So schrieb der damalige Stadtbaudirektor Wiens, Hans Gundacker, schon 1946: Die Eingemeindung Floridsdorfs sei berechtigt gewesen, aber: „Es ist wohl zu keiner so innigen Verschmelzung Wiens mit Floridsdorf gekommen, wie mit den einige Jahrzehnte früher angegliederten westlichen und südlichen Vororten. Dies ist nicht allein auf das trennende Band des Donaustromes im Gegensatz zu der verbindenden Funktion der beiderseitigen Häuserzeilen der Gürtelstraße zurückzuführen, die heute ebenso wie die Ringstraße von niemandem mehr als Grenzlinie empfunden wird.“ Stattdessen sei „ein Heranwachsen des Stadtkörpers an den Strom und eine verbindende städtebaulich befriedigende Gestaltung der Uferzeilen geradezu verhindert worden.“ Also sollte dafür gesorgt werden, dass „dieses Versäumnis bezüglich der Verschönerung Wiens bald aufgeholt werden kann“.

Und Josef Schwarzl, Leiter der MA 17 (und nebstbei von 1946-1962 Präsident des SK Rapid) schrieb 1954 ebenfalls in der Zeitschrift ,Der Aufbau‘, dem Organ der Stadtbaudirektion: Das „gefährlichste ist, daß dieser Stadtteil, dem doch (…) die Zukunft gehören sollte, mit der Stadt am rechten Ufer zu keiner wirklichen Einheit verbunden ist. Die beiden Stadtteile am rechten und am linken Donauufer sind zwei getrennte Gebiete, das mächtige Verkehrsband der Donau reißt sie auseinander“. Und weiter heißt es: „Dem ‚Wiener‘, also dem Zugehörigen zum Stadtteil am rechten Donauufer, gelten heute noch Floridsdorf, Kagran und wie die Orte dort hinter der Donau heißen, als Orte außerhalb der Stadt. Kann man also heute noch sagen, Wien liegt an der Donau?“

Sicherlich, seit den Aussagen der beiden führenden Magistratsbeamten sind über siebzig Jahre vergangen. Die Einwohnerzahl Floridsdorfs hat sich inzwischen mehr als verdoppelt. Die Erschließung durch den öffentlichen Verkehr hat sich dank Schnellbahn und U-Bahnen deutlich verbessert. Neue Brücken und zahlreiche Straßen (und sogar ein paar Radwege) haben Floridsdorf scheinbar enger an die Bezirke jenseits der Donau angebunden. Dennoch ist – trotz jahrzehntelanger Absichtserklärungen – kaum ein politischer Wille erkennbar,
Floridsdorf zu einem gleichberechtigten Teil der Stadt Wien zu machen. Und daher ist Floridsdorf auch in der „mental map“ (also in der psychischen Vorstellung ihrer Umwelt im Denken der Menschen) der meisten Wiener und Wienerinnen noch immer als „so weit draußen“ verankert.

Univ.-Doz. Dr. Matthias MarscUniv.-Doz. Dr. Matthias Marschik ist Historiker und Kulturwissenschafter. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. Zuletzt erschienen u.a. Bücher über den Bisamberg, die Wiener Hausberge und das bürgerliche Floridsdorf. Matthias Marschik ist in Floridsdorf geboren, er lebt und arbeitet auch heute noch im Bezirk. Er schreibt regelmäßig in der Floridsdorfer Zeitung. Foto: Privat.hik ist Historiker und Kulturwissenschafter. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. Zuletzt erschienen u.a. Bücher über den Bisamberg, die Wiener Hausberge und das bürgerliche Floridsdorf. Matthias Marschik ist in Floridsdorf geboren, er lebt und arbeitet auch heute noch im Bezirk. Er wird ab sofort regelmäßig in der Floridsdorfer Zeitung schreiben. Foto: Privat.
Univ.-Doz. Dr. Matthias Marschik ist Historiker und Kulturwissenschafter. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. Zuletzt erschienen u.a. Bücher über den Bisamberg, die Wiener Hausberge und das bürgerliche Floridsdorf. Matthias Marschik ist in Floridsdorf geboren, er lebt und arbeitet auch heute noch im Bezirk. Er schreibt regelmäßig in der Floridsdorfer Zeitung. Foto: Privat.