Aus eigener Kraft und mit Hilfe der Freunde

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Siedlungsgeschichte der Josef-Zapf-Gasse. Bild: Privat.
Siedlungsgeschichte der Josef-Zapf-Gasse. Bild: Privat.
Stein

Alles begann mit einem Anruf in der Redaktion der Floridsdorfer Zeitung vor etwa zwei Jahren. Inhalt: In der Josef-Zapf-Gasse wurde ein Haus abgerissen, ein Denkmal, das an die Errichtung der Siedlung an der Prager Straße  durch die Mormonen  erinnerte, wäre verschwunden.

Die Recherche im Floridsdorfer Bezirksmuseum ergab: Weder vom Denkmal noch der Mormonen-Siedlung hatte jemand gehört. Im Frühjahr 2021 führt Kommissar Zufall gleich zweimal Regie: Bei den Vorbereitungen zur 70-Jahr-Feier der nahegelegenen Mautner-Markhof-Kleingartenanlage wurde eine Pergamentrolle entdeckt und an das Bezirksmuseum übergeben. Rasch hatte sie Direktor Ferdinand Lesmeister als Gründungsurkunde der Siedlung in der Josef-Zapf-Gasse identifiziert.

Nicht schlecht staunte der Direktor, als keine zwei Wochen später Dipl.-Ing. Heinz Kegel im Museum vorstellig wurde. Der hatte in der Pension Geschichte zu studieren begonnen und mit seiner Frau Karin eine 158 Seiten starke Dokumentation über jene Siedlung und Gasse, in der er selbst wohnt, mit dabei.

Dipl.-Ing. Heinz Kegel. Bild: Privat.
Dipl.-Ing. Heinz Kegel. Bild: Privat.

Lesmeister und Kegel hatten sich viel zu erzählen. Und die DFZ darf nun dank der beiden engagierten Historiker erstmals über ein unbekanntes Kapitel der Floridsdorfer Siedlungsgeschichte berichten.

Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war die Josef-Zapf-Gasse nicht vorhanden, sondern Brach- bzw. Ackerland der eigenständigen Gemeinde Jedlesee. Die Jahre 1866 bzw. 1871 brachten zwei einschneidende Änderungen. Zunächst wurden durch heutige Siedlungsgärten Schanzen, Befestigungsanlagen meist als Erdwall ausgeführt, errichtet. Daran erinnert die Denglerschanze im gleichnamigen Park. 1871 wurde die Nordwestbahn für Personenverkehr freigegeben. Noch heute existiert die Station Jedlersdorf am Ende des nach dem Knick Karl-Gramm-Gasse heißenden Straßenzugs.

Das Gebiet Richtung Bahnhof Jedlersdorf vor dem Siedlungsbau. Foto: Privat.
Das Gebiet Richtung Bahnhof Jedlersdorf vor dem Siedlungsbau. Foto: Privat.

Die Schanzen verfielen und im Zuge der Vereinigung von Floridsdorf, Jedlersdorf und Jedlesee zu einer Gemeinde gab es erste Überlegungen zu einer Parzellierung des Gebiets. Obwohl es auch an der Prager Straße Brauereien und kleinere Betriebe, wie die Färberei Friedländer und die Maschinenfabrik Mayfarth und somit Bedarf an Arbeiterwohnungen gab, blieb das Gebiet bis Ende des ersten Weltkriegs unter der Obhut des k.k. Armeekommandos bzw. landwirtschaftlich genutzt.

Nach dem ersten Weltkrieg wurden die schon vor 1914 begonnenen Wohnbauprogramme intensiviert. Während heute vor allem Seitz- oder Schlingerhof als Mega-Bauten des Roten Wiens gelten, gab es damals auch das Siedlungswesen: Hier wurde neben der Vergabe von Kleingärten von der Stadt bzw. der damals schon existierenden Gesiba Grund angekauft und vergeben. Oft waren
gerade in Floridsdorf aber auch illegale Landnahme und spätere Legalisierung üblich: Zum Beispiel am Bruckhaufen. Offiziell vergeben handelte es sich meist um Baurechtsgründe, die zum Beispiel an Ausgesteuerte vergeben wurden. Sie brachten wenig Eigenkapital, aber eigene Arbeitskraft mit, zum Beispiel in der Nordrandsiedlung.

Anders ist die Geschichte der ‚Siedlung Denglerschanze‘. Die Anlage wurde 1921 vom Österreichischen Verband für Siedlungs- und Kleingartenwesen geplant. Oder von der Gesiba – Vieles liegt auch nach den Kegel-Recherchen im Dunkeln. Auch die Architekten: Es kommen George Karau, Franz Schuster und  Karl Ehn in Frage. „Die kleinen Doppelhäuser mit „folkloristischem Einschlag“ sind typisch für die erste Phase der Wiener Nachkriegssiedlungen. Kegel: „Ebenfalls ungeklärt ist die Frage, ob es sich um sechs Wohnungen oder um sechs Häuser handelt!“ Fix ist: Die Gasse wurde erst 1926 nach Josef Zapf, dem Texter des Lieds der Arbeit benannt. Die Häuser stehen auf der linken Seite (Höhe Prager Straße 114) und es waren zunächst nur sechs, später folgten weitere – in unterschiedlichem Design.

Ähnliche kleine Doppelhausanlagen kann man alleine in der Schwarzlackenau öfter finden. Meist genossenschaftliche Siedlungsanlagen mit langen Reihenhauszeilen und großen, sehr schmalen Gärten. Allein von Karl Krist listet das Architekturlexikon die Siedlung „Schwarzlackenau I“ (Diderotgasse 1-27 / Tomaschekstraße 2-22 / Rudolf-Virchow-Gasse / Johann-Treixler-Gasse / Josef-Zapf-Gasse 1-21); 1922-1924 die Siedlung „Schwarzlackenau II“ (Kerpengasse 21-45 und 45-52 / Meyerbeergasse (ehem. Silchergasse) 2-4-8); 1922-1924 die Siedlung „Lissenwasser“ (Tschechowgasse 5-21; Puschkingasse 8-10); ab 1923 die Kleinsiedlung (Josef-Baumann-Gasse / Gerspergasse / Eyblweg). Der Plan, die Schwarzlackenau zum größten, einheitlich geplanten Siedlungsgebiet Wiens zu gestalten, blieb unrealisiert.

Ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit zwei Zimmern, Kammer, Vorraum, Küche, Keller und Dachboden mit einer Gesamtnutzfläche von etwa 55 m2 kostete 16.000 Schilling. Der Siedler errichtete mit dem besicherten Kredit sein Haus und zahlte für 40 Jahre den Zins für sein Grundstück. Er durfte über das Gebäude frei verfügen, verändern, vererben oder auch verkaufen. Wobei sich jedoch der Grundeigentümer meist das Vorkaufsrecht eingeräumt hatte. Je 45% wurden von der Gemeinde Wien und vom Siedlungsfonds bereitgestellt, die restlichen 10% mussten die Siedler selbst aufbringen. Meist als „Muskelhypotheken“, so Kegel: „Das war ihre Arbeitszeit.“

Auch die Verkehrsanbindung wurde zu dieser Zeit verbessert: Ab 1912 zweigte die Linie 32 in die Prager Straße Richtung Strebersdorf (das erst seit 1910 bei Floridsdorf bzw. Wien ist) ab, führte aber vorerst nur bis zum Brauhaus Jedlesee. Erst 1923 wurde Strebersdorf zur neuen Endstelle der nun mit 132 bezeichneten Linie.

Ab 1923 gingen das Interesse der sozialistischen Stadt und auch die finanzielle Hilfe zurück. Statt 34 waren nur sechs Häuser halb fertig gestellt, das jähe Ende drohte. Hier kommt die  „englisch-amerikanische Gesellschaft der Freunde“ ins Spiel. Eine Hilfsorganisation der Quäker und nicht wie angenommen der Mormonen. Diese hatte sich nach dem ersten Weltkrieg am Wiederaufbau in Europa beteiligt und sich um unterernährte Kinder gekümmert. Kegel: „Das akuteste Problem lag in der Vollendung der halbfertigen Bauwerke. Wobei die Leiterin der Siedlungsabteilung der Gesellschaft der Freunde, Aline Atherton-Smith, auch das Projekt Denglerschanze tatkräftig unterstützt hatte.“

Insgesamt gab es Unterstützung für 24 Siedlungen, bereits 1923 wurden mit finanzieller Hilfe der ‘Freunde’ 423 Häuser bewohnbar gemacht.

Die Details hat Heinz Kegel penibel festgehalten, sogar das Stundenbuch einer der ersten Siedlerfamilien, der Vaseks, existiert noch. Am 30. Juli 1922 heißt es etwa: „30. VII. 1922 „Albert von ½ 6 Uhr bis ½ 2 Uhr; Karl von 7 Uhr bis ½ 2 Uhr; Hainisch von ½ 7 Uhr bis ½ 2 Uhr: Stall (Gerüst und Verschalung fertiggestellt). Frühstück für beide gezahlt in der Höhe von 6.000 Kronen. Am 31. VII. 1922 verrechnet mit Gerüster und 50.000 Kronen gezahlt. Nach der Stundenberechnung würde es 66.000 Kronen ausmachen!“
Nach und nach konnten so die Häuser in der Josef-Zapf-Gasse und der Karl-Gramm-Gasse fertig gestellt werden. Manche sind noch heute – umgebaut – in Familienbesitz.

Und das Denkmal? Außer einem Foto ist nichts geblieben. Der Bauträger übernahm das Haus in dessen Garten es stand nur unter der Bedingung, dass das Denkmal weg ist. Eine Anfrage des Vorbesitzers ergab, dass das Monument nicht geschützt ist und entfernt werden darf. Beim Abtransport einer Abrissfirma ging es kaputt. -Hannes Neumayer