Von Kanaldeckeln bis Straßenbahn-Visionen

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Bezirksvorsteher Georg Papai bei der (Öffentlichkeits-)Arbeit. Fotos: BV21, PID, Stadt Wien / Christian Fürthner, DFZ, SPÖ, Walentin, Neupert.
Bezirksvorsteher Georg Papai bei der (Öffentlichkeits-)Arbeit. Fotos: BV21, PID, Stadt Wien / Christian Fürthner, DFZ, SPÖ, Walentin, Neupert.
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Interview. Georg Papai über die U6-Verlängerung, Stadtentwicklung, Bevölkerungswachstum, etc.

Am 19. März ist Georg Papai (SPÖ) zehn Jahre Bezirksvorsteher. DFZ-Chefredakteur Hannes Neumayer hat den 50-Jährigen zum ausführlichen Interview getroffen.

Was macht den Job Bezirksvorsteher aus?

Georg Papai: Für mich ist das spannendste, dass es sowohl der wacklige Kanaldeckel ist, den es zu verbessern gilt, als auch die große Vision: Wo wollen wir uns die nächsten 20 Jahre als nicht gerade kleiner Bezirk hinentwickeln.

Der schlimmste Moment waren wohl die 24 Stunden nach der Wahl bis zur Briefwahlstimmenauszählung 2015, als die SPÖ Platz 1 an die FPÖ fast verloren hätte?

Nein. Das waren die persönlichen Angriffe gegen mich und meine Familie im Rahmen der Flüchtlingsströme 2015. Es gab Drohbriefe mit Gewehrkugeln. Ich erinnere mich noch, wie ein Polizeibeamter zu mir gesagt hat, ,fahren Sie nicht jeden Tag die gleiche Strecke in die Arbeit!‘.

Heinz Berger, Klubobmann der Grünen: "Besonders positiv bemerken wir in der 10jährigen Amtszeit von Georg Papai die Schwerpunktsetzung auf die Neugestaltungen von Parks und Spielplätzen. Wichtige Herausforderungen wie Bodenschutz oder Energiewende sind beim Bezirksvorsteher bis jetzt leider überhaupt nicht angekommen. Das dringend notwendige Umdenken in der Verkehrspolitik hin zu einer umweltfreundlichen Mobilität fehlt völlig." Foto: Privat.
Heinz Berger, Klubobmann der Grünen: „Besonders positiv bemerken wir in der 10jährigen Amtszeit von Georg Papai die Schwerpunktsetzung auf die Neugestaltungen von Parks und Spielplätzen. Wichtige Herausforderungen wie Bodenschutz oder Energiewende sind beim Bezirksvorsteher bis jetzt leider überhaupt nicht angekommen. Das dringend notwendige Umdenken in der Verkehrspolitik hin zu einer umweltfreundlichen Mobilität fehlt völlig.“ Foto: Privat.

Sie würden sicher gerne eine Stunde Bilanz ziehen. Um es einfach zu halten, fasse ich selbst zusammen: Jedes Jahr einen neuen Park, das Bezirksbudget mit den 21. Projekten erlebbar gemacht, den Schlingermarkt gerettet, viele neue Schulen und Kindergärten. Passt das so?

Es fehlt etwas ganz Großes, das aus vielen Einzelteilen besteht: Die Aufwertung des öffentlichen Raums! Da hatte Floridsdorf 2014 Aufholbedarf. Das ist ein total sozialdemokratisches Thema, denn den öffentlichen Raum brauchen vor allem Menschen, die aufgrund ihres persönlichen Einkommens sich nicht ein eigenes Grundstück leisten können. Da gibt es viele Mosaiksteine: Die Neugestaltung der Franklinpromenade, des Pius-Parsch-Platzes, der Schleifgasse und heuer des Theumermarktes; das Sitzplatzkonzept vor dem Amtshaus, oder die Initiative ,50 neue Bänke‘.

Ihre drei persönlichen Highlights?

Neben der Bildungsmeile Franklinstraße alle Maßnahmen rund um den Schlingermarkt. Als ich beim Amtsantritt gesagt habe, den Schlingermarkt müssen wir angehen, haben mir auch viele Freunde abgeraten: ,Finger weg, da ist nichts mehr zu retten!‘. Und der Beschluss 2016, dass ein Drittel der Floridsdorfer Fläche zum Landschaftsschutzgebiet erklärt wurde. Jetzt ist das vielleicht auch eine wichtige Weichenstellung, um das Seilbahnprojekt zu verhindern. Weil die Donauinsel auch Landschaftsschutzgebiet ist.

Sabine Mareda, Klubobfrau der FPÖ: „Bezirksvorsteher Georg Papai ist ein Ankündigungsweltmeister, in der Umsetzung ist er nicht mal Grätzelmeister. ,Das Parkpickerl wird es mit mir nicht geben‘, hat er jahrelang gesagt. Wenige Monate später ist er umgefallen und hat das Parkpickerl freudig begrüßt. Und das Alkoholverbot am Jonas-Platz gibt es ebenfalls bis heute nicht." Bild: Privat.
Sabine Mareda, Klubobfrau der FPÖ: „Bezirksvorsteher Georg Papai ist ein Ankündigungsweltmeister, in der Umsetzung ist er nicht mal Grätzelmeister. ,Das Parkpickerl wird es mit mir nicht geben‘, hat er jahrelang gesagt. Wenige Monate später ist er umgefallen und hat das Parkpickerl freudig begrüßt. Und das Alkoholverbot am Jonas-Platz gibt es ebenfalls bis heute nicht.“ Bild: Privat.

2025 sind Bezirkswahlen, Platz 1 für die SPÖ scheint fix, sie wären somit mindestens bis 2030 Bezirksvorsteher. Laut Prognose der Landesstatistik Wien hat Floridsdorf dann 200.000 Einwohner, um 50.000 mehr als bei ihrem Amtsantritt.

Niemand schaltet Inserate: Kommen Sie nach Floridsdorf! Es gibt einen enormen Trend zum ,In-die-Stadt-ziehen‘, das war in den 70ern anders, da wäre Wien sogar geschrumpft. Schlimmer wäre es, Bezirksvorsteher eines schrumpfenden Bezirks zu sein. In Detroit gibt es so eine enorme Stadtflucht, dass Politiker entscheiden müssen, welche Schule sperren sie zu. Ein verträgliches Wachstum ist eine positive Chance.

Mehr Bevölkerung benötigt mehr Infrastruktur: Wohnungen, Schulen, Verkehr, Freizeit. Wo funktioniert das, wo nicht?

Die meisten Rückmeldungen bekomme ich zum Thema, ,Wir brauchen mehr Wirtshäuser‘, mehr Gastronomie und Fortgehmöglichkeiten. Wenn ich von Gymnasien eingeladen werde, kommt so gut wie immer, es braucht ein Bier-Pub. Viele 17- oder 18-Jährige gehen auch am Mittwoch oder Donnerstag mit Freunden fort. Da gibt es ganz wenig im Bezirk. Das kann ich nachvollziehen – aber ich selbst kann kein Bier-Pub eröffnen.

Und bei Ärzten gibt es wirklich große Herausforderungen. Die ÖGK bemüht sich neue Ärzte zu erhalten, aber es ist schwierig, barrierefreie Ordinationen zu bekommen. Vier Ärzte haben sich bei mir vorgestellt, die einen Vertrag haben, aber keine Ordination finden.

Am 22. Februar präsentierte 
Bezirksvorsteher Georg Papai die ,21 Projekte für den 21. Bezirk‘. Stargast war  Richard Lugner, der mit der  Errichtung der Moschee am Bruckhaufen vor bald 50 Jahren seine Karriere so 
richtig  durchstarten konnte. Bild: Robert Sturm - cordbase.com
Am 22. Februar präsentierte Bezirksvorsteher Georg Papai die ,21 Projekte für den 21. Bezirk‘. Stargast war Richard Lugner, der mit der Errichtung der Moschee am Bruckhaufen vor bald 50 Jahren seine Karriere so richtig durchstarten konnte. Bild: Robert Sturm – cordbase.com

Kommt die U6- Verlängerung?

Die Finanzmittel beim U-Bahn-Bau sind die nächsten zehn Jahre beim U2-U5-Ring gebunden. In etwa sechs Jahren wird entschieden, was die nächste Ausbaustufe sein kann. Wenn Stadtplanung und Wiener Linien nur nach der Bevölkerungsdichte entscheiden, habe ich das Gefühl, dass Favoriten eine Dichte anbieten kann, die wir in Stammersdorf gar nicht anbieten wollen! Das muss man ehrlich sagen.

Wünschen Sie sich dann überhaupt eine U6 bis Stammersdorf?

Es ist aus Sicht der Stammersdorfer natürlich schon viel gebaut worden, aber in Wahrheit ist es sehr kleinteilig. In den zehn Jahren, in denen ich Bezirksvorsteher bin, hat es in Stammersdorf nicht eine einzige neue Widmung gegeben.

Ich werde als heute 55-Jähriger keine U6-Verlängerung mehr erleben, oder?

Gehen wir mal davon aus, Sie werden 90 bei uns in Floridsdorf. Da haben wir noch ein bisschen Zeit. Aber sollte die Entscheidung für Favoriten fallen, muss es eine rasche Projektierung einer Schnellstraßenbahn nach Stammersdorf geben.

Wird es eine Straßenbahn mit neuer Trasse geben, von Donaufeld nach Jedlersdorf?

Ich halte daran fest, die Wiener Linien, was ich weiß, auch. Es gibt auch eine Vision, ob es eine Querverbindung Höhe Brigittenauer Brücke in den 20. Bezirk geben könnte. Und es gibt auch eine alte Trasse, die verläuft über die Siemensstraße zur Ödenburger Straße, die Widmung ist vorhanden. Ich bin unglücklich, dass der Bund mit dem Schnellbahnring am Handelskai aufhört und der Ring nicht auch Transdanubien umschließt.

Braucht es nicht auch eine komplette Neugestaltung des Bahnhofs Floridsdorf?

Ja. Das ist eine Vision, die ich in der nächsten Periode umsetzen möchte, inklusive Umbau des Vorplatzes. Mit der Sozialraumanalyse wurde der erste Schritt gesetzt.

Leon Wassiq, Bezirksparteiobmann der ÖVP: „Auch wenn Georg Papai und ich naturgemäß nicht in allen Belangen des Bezirks einer Meinung sind bzw. unterschiedliche Auffassungen von Lösungswegen haben, begrüße ich dennoch den bisherigen konstruktiven Diskurs auf Augenhöhe, in dem wir beide stets den Bürger in den Mittelpunkt stellen. In der Hinsicht, ist unser Bezirk ein Vorbild in der überparteilichen Zusammenarbeit." Bild: ÖVP.
Leon Wassiq, Bezirksparteiobmann der ÖVP: „Auch wenn Georg Papai und ich naturgemäß nicht in allen Belangen des Bezirks einer Meinung sind bzw. unterschiedliche Auffassungen von Lösungswegen haben, begrüße ich dennoch den bisherigen konstruktiven Diskurs auf Augenhöhe, in dem wir beide stets den Bürger in den Mittelpunkt stellen. In der Hinsicht, ist unser Bezirk ein Vorbild in der überparteilichen Zusammenarbeit.“ Bild: ÖVP.

In der Schleifgasse sind von 60 Parkplätzen 40 weggefallen. Gibt es massiven Protest?

Nein, für mich sogar überraschend wenig.

Warum wird dann, wenn es um den Radweg Brünner Straße geht, um jeden einzelnen Parkplatz gekämpft?

Ich bemühe mich, eine Verkehrspolitik zu machen, die alle Interessen unter einen Hut bekommt und Emotionen hintanhält. Diese Brechstangen Hebein-Verkehrspolitik hat nicht dazu geführt, dass mehr für Fahrradfahrer passiert, sondern vor allem dazu, dass sich die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer als Gegner sehen. Das ist der falsche Weg. Ich bin auch nicht gegen den Radweg Brünner Straße. Wir haben entschieden, dass die Leopoldauer Straße das wichtigere Projekt ist. Das passiert 2025, die Brünner Straße 2026. 

In der Prager Straße fällt außerdem eine Parkspur zur Gänze weg, zugunsten eines Radwegs, eines breiten Gehsteigs, der dann mit Schanigärten genutzt werden kann. Und bei der Floridsdorfer Hauptstraße nehmen wir eine Fahrspur weg, deswegen können die Parkplätze erhalten bleiben. Dort wo es Wirtschaftsbetriebe gibt, geht es auch um Ladezonen.

Im Herbst wird der Bildungscampus in der Franklinpromenade mit Kindergarten, Ganztags-Volksschule, Ganztags-Mittelschule, einer Musikschule und einem Jugendzentrum eröffnet. Gibt es weitere Pläne?

In der Dunantgasse in Jedlesee wird es einen Zubau geben. Im Bildungsbereich funktioniert es in Sachen Infrastruktur prinzipiell sehr gut, aber wir brauchen ein zusätzliches Gymnasium. Die Stadt würde der BIG ein Grundstück nahe der Prager Straße anbieten. Ich hoffe, die BIG spuckt in die Hände …

Gibt es im 21. Bezirk noch Potential für Stadtentwicklungsgebiete mit 1.000 oder mehr Wohnungen?

Nein, in den nächsten zehn Jahren gibt es außer dem Donaufeld kein weiteres großes Stadterweiterungsgebiet.

Gutes Stichwort: Jetzt geht es im Donaufeld auf den ersten 10 Hektar los, für die restlichen 50 Hektar könnte man sich angesichts der Klimakrise auch andere Pläne überlegen, etwa wie die Bio-Schanze.

Eine landwirtschaftliche Nutzung hat aus meiner Sicht wenig Qualität für die Bürger.

Bezirksvorsteher Georg Papai. Fotos: Gregor Neupert.
Bezirksvorsteher Georg Papai. Fotos: Gregor Neupert.

Die Flächen könnten jetzt zehn oder 20 Jahre brach liegen. Das kann Sie nicht freuen.

Das ist nicht immer eine Frage des Freuens oder Nicht-Freuens. Es ist eine Frage des Bedarfs und der unterschiedlichen Interessen. Und ein Viertel der Fläche soll ja auch eine Grünanlage werden. Mir ist wichtig, dass es mit dieser ersten Phase eine zugängliche Grünanlage wird, die für alle erlebbar ist.

Die ganzen 60 Hektar bleiben also Stadterweiterungsgebiet?

Ja, so ist der Beschluss. Jeder Bau, der in der Stadt errichtet wird, ist von der Bodenversiegelung pro Kopf um vieles klimafitter als wenn irgendwo in einem Bundesland eine neue Einfamilienhaussiedlung entsteht. Städtisches Wohnen ist ein klimafreundlicheres Wohnen. Außerdem sind der überwiegende Teil der ersten 1.600 Wohnungen geförderte Projekte und es geht auch darum, das Angebot leistbar zu halten.

Wie geht es am Schlingermarkt weiter?

Das nächste große Projekt ist Schatten schaffen, wenn möglich 2025!

Auf ihrer Homepage steht: ,Ich bin in die Politik gegangen, um positive Veränderungen zu erreichen‘. Ist das gelungen?

Ja. Ich bin kein Bezirksvorsteher, der verwalten will. Sondern einer, der gestalten will. Und zwar nicht für, sondern mit den Menschen. Man darf sich als Kommunalpolitiker auch nicht zu gut sein, sich einzugestehen, wenn es einmal Nachbesserungen braucht. Das ist nicht schlimm. Ich habe ja auch nicht die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Keinen Fehler macht nur jemand, der nichts arbeitet.

50 neue Bänke für Floridsdorf - Bezirksvorsteher Georg Papai. Bild: BV21.
50 neue Bänke für Floridsdorf – Bezirksvorsteher Georg Papai. Bild: BV21.

Was wäre ein Beispiel für einen Fehler?

Manchmal Kleinigkeiten. Bei den letzten 50 Bänken haben wir drei nochmals umgestellt …