Hochbunker Floridsdorf: “Flieder” als Mahnmal für die Ewigkeit

4417
Innenaufnahme. Bild: Otto Köck.
Innenaufnahme. Bild: Otto Köck.

Flieder. Harmlos klingt der Name für eines der wuchtigsten Gebäude in Floridsdorf. Unscheinbar, vergessen, aber dennoch dominant liegt der “Bunker” in der Gerichtsgasse am Rande des Bezirkszentrums. Seine Geschichte liegt im Dunklen. Funktion: keine. Eine Spurensuche. Bald 75 Jahre steht der 1944 errichtete Hochbunker im Bezirk, seit Anfang der Sechziger umgeben von den Genossenschaftsbauten der Sozialbau. Über den ursprünglichen Zweck - Schutzbunker oder Flakturm – wird in Internetforen diskutiert. Aufklärung bringt Bezirksrat und Historiker Mag. Gerhard Jordan, der sich mit der Geschichte des Hochbunkers auseinandergesetzt hat: „Für einen Flakturm ist er viel zu dünn, im Durchschnitt eineinhalb Meter und er ist dafür auch nicht hoch genug. Außerdem wurden die Wiener Flaktürme immer in Paaren errichtet.”

Dachaufnahme. Bild: Otoo Köck.
Dachaufnahme. Bild: Otoo Köck.

Hochbunker Floridsdorf: Baustart 1944

Die Bauphase reichte von Sommer 1944 bis April 1945. Jordans Vermutung: „Der Hochbunker wurde wahrscheinlich zum Schutz des Arbeitslagers an der Prager Straße 18-20, für die Firma Heinkel, die Kampfflugzeuge herstellte, benutzt. Vielleicht auch für umliegende Fabriken wie zum Beispiel die LOFAG.“

Stein

SEPTEMBER 2021: Gedenkstele für Hochbunker eingeweiht.
Auf Initiative des Bezirksmuseums und dessen Direktor Ferdinand Lesmeister wurde vor wenigen Tagen von Bezirksvorsteher Georg Papai eine Gedenkstele beim Floridsdorfer Hochbunker in der Gerichtsgasse eingeweiht. Es ist ein spätes Erinnern an den noch in den letzten Jahren des 2. Weltkrieges errichteten Hochbunker. Auch die Floridsdorfer Zeitung hat mit einer umfangreichen Reportage ein kleines bisschen dazu beigetragen. Bei der Einweihung waren neben mehreren Zeitzeugen, Papai und Historiker und Ex-Bezirksrat Gerhard Jordan dabei.

In all den Jahrzehnten nach dem Krieg gab es keinen Hinweis über die Entstehung und Zweck dieses nun verfallenden Kriegsbauwerkes. Es scheint, als hätten sich schon alle nach beinahe 80 Jahren mit diesem stummen Mahnmal arrangiert. Papai: „Vor einigen Monaten jedoch, über Anregung der Zeitzeugin Eva Diem und des Herausgebers der Floridsdorfer Bezirkszeitung Hannes Neumayer, hat der Leiter des Bezirksmuseums, Bezirksrat Ing. Ferdinand Lesmeister mit meiner Unterstützung die Initiative ergriffen und eine erklärende Info-Tafel in Form einer Stele zur Geschichte des Floridsdorfer Hochbunkers, errichten lassen.“ Im Rahmen der Umsetzung dieses Projektes waren unter anderem, die Magistratsabteilungen 7 Kultur, MA 34 Gebäudeverwaltung, MA 42 und private Sponsoren maßgeblich unterstützend beteiligt.

Im Rahmen der feierlichen Enthüllung der Gedenkstele dankte Bezirksvorsteher Georg Papai allen Beteiligten für ihren Einsatz an deren Zustandekommen: „Ich halte es für eine Notwendigkeit, dieses Bauwerk inmitten eines heutigen Wohngebietes zu erklären, das künftigen Generationen ein Mahnmal gegen Krieg und Gewalt sein soll!“

Im Frühjahr 1944 wurden jüdische ZwangsarbeiterInnen aus Ungarn nach Wien gebracht, um in Industriebetrieben, auf Baustellen und in Schutträumkommandos Sklavenarbeit zu leisten. Nachdem im Juni 1944 auch das Gelände der Familie Mautner an der Prager Straße von Bomben getroffen wurde, wurde im Sommer 1944 auf dem Gelände der Malzfabrik mit dem Bau eines Hochbunkers begonnen. Zunächst musste der Schutt eines zerstörten Bauwerks entfernt werden. Jüdische ZwangsarbeiterInnen mussten dies ohne adäquate Ausrüstung verrichten. Luftbilder der Royal Air Force vom 13. September 1944 zeigen bereits die Baugrube des Hochbunkers mit Schalungsbrettern und Mauern. Auf einem weiteren Luftbild vom 20. März 1945 hat der Hochbunker bereits jene Höhe erreicht, die heute noch erhalten ist.

Viele dieser Infos wurden für eine Ausstellung 2015 im Bezirksmuseum Floridsdorf vom Archäeologen Mag. Thomas Pototschnig zusammengetragen. Jordan: „Mir ist vor allem ein Aspekt wichtig, der leider oft keine Beachtung findet: Die Bunker des Zweiten Weltkriegs sind nicht von selbst entstanden, sondern wurden von Menschen errichtet, von denen ein großer Teil dabei zu Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik wurde. Im Fall der Gerichtsgasse waren das viele ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter. Ein erschütterndes Zeugnis davon legen die Tagebuchaufzeichnungen von József Bihari ab. Auch daran sollte immer gedacht werden.”

Hochbunker Innenaufnahme. Bild: Otto Köck.
Hochbunker Innenaufnahme. Bild: Otto Köck.

Tagebuch des Zwangsarbeiters

Bihari war damals bereits 61 Jahre alt. Die Auszüge aus seinem Tagebuch sind heute noch dramatisch:
22. 8. 44: Heute arbeite ich schon bei den Maurern. Es ist furchtbar, ich weiß nicht, wie ich es aushalten werde …

11. 9. 44: Ich habe mich wieder krank gemeldet, aber man lässt mich nicht. Man muss hier krepieren.

15. 9. 44: Es gibt nur Arbeit, keine Aussicht nachhause zu gehen.

16. 9. 44: Heute haben wir einen freien Tag, da eine Bombe den Architekten erschlagen hat und heute ist sein Begräbnis.

13. 10. 44: (…) Die Arbeit ist furchtbar schwer, ich muss ständig Ziegel tragen, hinauf auf den Stock, und zwar acht bis zehn Stück zusammen auf meinem Rücken. Es ist furchtbar.

21. 10. 44: Ich bin sehr gealtert. Ich bin schon ein Greis geworden, aber das sieht man auch bei den anderen.

Bihari wurde kurz vor Kriegsende in Hofamt Priel ermordet.

Die bautechnischen Fakten zum Floridsdorfer Hochbunker haben die Autoren Robert Bouchal und Marcello La Speranza für ihr Buch “Die letzten Spuren des Krieges” (Pichler Verlag, 2012) zusammengetragen: Die oberste Decke des achteckigen Gebäudes ist eingestürzt – eventuell auch ein Sprengungsversuch gegen Kriegsende. Im Inneren gibt es einen durchgehenden Schacht um den vier freie Stiegenhäuser durch die Geschosse laufen (siehe Bilder).

Hochbunker Floridsdorf: Augenzeuge

Augenzeuge Herbert Rudolf. Bild.: DFZ.

Herbert Rudolph war bei Kriegsende ein kleiner Bub, noch heute kann er sich gut erinnern: „Wir waren neugierig und sind nach Kriegsende in den Bunker und haben ihn von oben nach unten durchsucht. Das Gebäude geht ja genau so tief in den Untergrund wie es hoch ist. Im Keller haben wir schließlich Leichen entdeckt – da waren wir ganz schnell wieder draußen und sind nie wieder hinein.”

Wenige Wochen darauf wurde der Bunker verschlossen. Leben kam nur selten in das Gebäude. La Speranza berichtet von einem Plan in den Sechzigern, das Gebäude als Archivdepot zu nutzen. Vor knapp 35 Jahren sollen Aufnahmen für den Film “Feuersturm” gemacht worden sein. Damals sollen auch diverse Schilder wie “Gasschleuse” angebracht worden sein.

1995 engagierte sich die heutige Sonderbeauftragte der Wirtschaftskammer Renate Römer. Der Bunker wurde von wuchernden Gewächsen befreit und für ein Fest ein letztes Mal herausgeputzt. Die Künstler Ferdinand Karl und Stefan Brandl sorgten für die heute noch sichtbaren Wellen. Sie stehen übrigens für das verblichene ORF-Testbild. Im Bunker-Inneren befinden sich auch hieroglyphenartige Zeichen (siehe Bild linke Seite), die an das alte Ägypten denken lassen. Durch den Verkauf von Bruchsteinen, die von Ernst Fuchs signiert wurden, kam ein Großteil der Kosten der Aktion – circa 300.000 Schilling – wieder herein.

Dachaufnahme. Bild: Otoo Köck.
Dachaufnahme. Bild: Otoo Köck.

Heute liegt “Flieder” – so angeblich der Deckname während des Krieges – wieder verlassen da. Betreten ist streng verboten, da zumindest innen Einsturzgefahr besteht. Ernstgemeinte Nachnutzungskonzepte gab es in den letzten 73 Jahren nie. Zuständig für die Verwaltung des Gebäudes ist die MA34, der ebenfalls „keine Nachnutzungskonzepte vorliegen”. Ein Abriss kommt nicht in Frage – ist daher auch nicht Gegenstand von Kostenschätzungen. „Äußerlich geht von dem Gebäude keinerlei Gefahr aus. Sicherheitstechnische Überprüfungen des gegenständlichen Objektes finden grundsätzlich jährlich statt.”

Keine Nachnutzung möglich

Hochbunker Verzierung. Bild: DFZ.
Hochbunker Verzierung. Bild: DFZ.

Es erfolgt eine Überprüfung durch einen externen Sachverständigen, der nach definierten Abläufen der MA 34 „eine Sicherheitsbegehung des Gebäudes durchführt und das Objekt hinsichtlich Standfestigkeit und möglicher bautechnischer Mängel beurteilt. Der Schwerpunkt der Überprüfung des Flakturmes liegt im Bereich der Außenhülle.” Sowohl eine Sanierung wie auch ein Abriss gelten als unfinanzierbar.

Bunker: Keine Gedenk- oder Info-Tafel

So haben sich offenbar alle mit dem stummen Mahnmal arrangiert. Langsam erobert die Natur das Gebäude zurück: Nicht Flieder sondern Efeu verdeckt Teile der Außenmauern, Vögel nisten in Nischen und von manchen Anrainern wird der Bunker nicht ohne Grund Katzenburg genannt. Zumindest eine erklärende Info-Tafel zur Geschichte des Floridsdorfer Hochbunkers vor Ort wäre wünschenswert … –Hannes Neumayer

Hochbunker Innenaufnahme. Bild: Otto Köck.
Hochbunker Innenaufnahme. Bild: Otto Köck.