„Der Boden im Donaufeld ist mit Blei verseucht“

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Georg papai am Birnersteig. Bild: Robert Sturm - cordbase.com
Georg papai am Birnersteig. Bild: Robert Sturm - cordbase.com
Stein

Das Sommer-Interview mit Bezirksvorsteher Georg Papai beschäftigt sich heuer mit dem allgegenwärtigen Klimawandel.


Wir haben im Juli in Floridsdorf gesehen, was ungeheure Wassermassen in kurzer Zeit auslösen: Sind wird bezüglich Hochwasser und Überflutungen ausreichend gewappnet?

Georg Papai: Der Starkregen hat in Teilen des Bezirks zu Überschwemmungen in Kellern und Untergeschossen geführt.Wir haben auch einen Kindergarten und zwei Schulen, wo es das Wasser bis in den Turnsaal hineingedrückt hat. Da kommen Investitionen auf den Bezirk zu. Ich weiß vom Industriegebiet Strebersdorf, dass es zu großen Überschwemmungen gekommen ist. Wir werden uns gemeinsam mit Wien-Kanal anschauen müssen, welche Maßnahmen es gibt, um das in Zukunft zu verhindern.
Was tut der Bezirk in Sachen Klimaschutz?

Als ich vor sieben Jahren Bezirksvorsteher wurde, habe ich gesagt: Jedes Jahr ein neuer Park! Um den Grünraum und den Naherholungswert für die Floridsdorfer groß zu halten. Da war von Klimaschutz und der Thematik noch kaum die Rede. 2016 ist auf meine Initiative hin ein Drittel der Floridsdorfer Bezirksfläche zum Landschaftsschutzgebiet erklärt worden. Und es gab viele Maßnahmen, um Hitzeinseln zu vermeiden: Neue Baumscheiben im Mengergassenviertel, viele Projekte bei denen Wasser im öffentlichen Raum eine Rolle spielt, am Schlingermarkt, am Pius-Parsch-Platz und in der coolen Franklinstraße. Das wird vor
allem von jungen Menschen sehr gut angenommen. Und Bezirk und Stadt haben beim Thema Energiegewinnung Initiativen gesetzt: Solaranlagen auf Dächern der Müllanlage am Schlingermarkt, der Schule in der Christian-Bucher-Gasse oder der Klinik Floridsdorf.

Kritiker meinen, die Klimapolitik der SPÖ ist ein Sprühnebel aber kein Wasserfall.

Das sehe ich gar nicht so. Die Sozialdemokratie hat in Wien schon Klimapolitik betrieben, da war Klimapolitik noch gar kein Thema. Und zwar nicht mit drei Sprühnebelanlagen und fünf neuen Bäumen, sondern im großen Stil.

Im Ortsteil Donaufeld gibt es mehr Hitzetage als in der Innenstadt, ist es da wirklich angebracht an Stadtentwicklungsplänen der achtziger Jahre festzuhalten?

Das Thema Verbauung muss man differenziert betrachten: Es gibt Initiativen ökologischer zu bauen, wie Dach- und Fassadenbegrünungen. Und man muss ehrlich sagen, die Pro-Kopf-Versiegelung ist im städtischen Raum dramatisch geringer als im ländlichen Raum. Jeder Wiener hat 100 m2 versiegelte Fläche, im ländlichen Raum geht das hinauf bis 800, 900 oder 1000 m2 pro Kopf an versiegelter Fläche. Das heißt, die Wohnform im städtischen Raum ist weit ökologischer.

Im Donaufeld hat die industrielle Gärtnerei seit ein paar Jahren aufgehört. Da wird eine Idylle vorgespiegelt, die es nicht ist. Experten sagen mir, dass dort die ersten 20 Zentimeter des Bodens enorm mit Blei verseucht sind! Das kommt angeblich von den Glashäusern. Fahren Sie einmal zu den Gärtnern nach Simmering: Der Trend geht immer mehr zu Glashäusern. Das wäre im Donaufeld nicht anders – es wäre also in Wahrheit auch versiegelt, nur auf eine andere Weise.

Bezirksvorsteher Georg Papai (rechts) beim Interview mit DFZ-Chefredakteur Hannes Neumayer im Gasthaus Birner an der Alten Donau. Bilder: Robert Sturm. cordbase.com
Bezirksvorsteher Georg Papai (rechts) beim Interview mit DFZ-Chefredakteur Hannes Neumayer im Gasthaus Birner an der Alten Donau. Bilder: Robert Sturm. cordbase.com

Die SPÖ ist für den Lobautunnel, aber eine zusätzliche Straßenbahn im Donaufeld soll es frühestens 2035 nach Bau aller 6.000 Wohnungen geben: Stimmen da klimapolitisch die Relationen?

S1 und Lobautunnel sind die bestevaluierten Projekte der letzten 20 Jahre. Ich halte das für eine politische Kasperliade, das jetzt nochmals aufzuschnüren. Um so wichtiger ist es, dass bei Neubauprojekten noch stärker auf alternative Mobilität gesetzt wird. Damit meine ich das Fahrrad, aber nicht nur das Fahrrad. Man sollte standardmäßig Elektro-Anschlüsse in den Garagen einbauen, dass für Mieter der Umstieg auf ein E-Auto kostengünstig und leicht möglich ist. Und nicht erst sehr teuer und aufwendig bei Genossenschaften Strom mit eigenem Zähler in die Garage legen lassen muss. Das kostet ein Vermögen.

Es ist kein Zufall, dass es in Wien die besten öffentlichen Verkehrsmittel einer Millionenstadt in Europa gibt. Die Stadt Wien legt seit Jahrzehnten einen starken Fokus auf Öffis. Das ist übrigens auch ein Grund, warum bei uns der Fahrradverkehr so schlecht ist.

Weil die Öffis so gut sind?

Ja, natürlich. Dass in Kopenhagen die Leute so viel mit dem Fahrrad fahren, liegt historisch nicht daran, dass sie so fahrradbegeistert sind. Sondern, dass die so bescheidene Öffis haben.

Viele Floridsdorfer sagen: Intervalle und Netz der Öffis im Bezirk sind oft wenig motivierend, das Auto stehen zu lassen …

Es wird mehr Anstrengung brauchen, den öffentlichen Verkehr zu attraktivieren. Denn in gewissen Gebieten des Bezirks, wo der Bus nur alle 20 Minuten fährt, ist er noch nicht die Alternative zum Auto. Auch die Querverbindungen zur Donaustadt sind
ausbaufähig.

Interview: Hannes Neumayer