Unter Strom gesetzt

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Das Umspannwerk Nord vom Freibereich aus. Hier stand früher die mittlerweile abgebaute 110kV-Freiluftschaltanlage. Bild: Robert Sturm - cordbase.com
Das Umspannwerk Nord vom Freibereich aus. Hier stand früher die mittlerweile abgebaute 110kV-Freiluftschaltanlage. Bild: Robert Sturm - cordbase.com

Jeder Jedleseer kennt das langgezogene Gebäude in der gleichnamigen Straße. „Irgendwas mit Strom“, fällt den meisten noch ein. Dabei ist das Umspannwerk Nord, so der heutige Name, nicht nur für Floridsdorf eines der wichtigsten Gebäude in Sachen Energieversorgung. Die Wiener Netze haben der Floridsdorfer Zeitung einen exklusiven Blick hinter die Kulissen ermöglicht.

Eingebettet zwischen Floridsdorfer Aupark und Nordbrückenabfahrt liegt das Umspannwerk Nord mit dem markanten grünen Türmchen. 2023/24 feiert man das hundertjährige Bestehen. Hermetisch abgeriegelt wirkt es von außen nicht gerade zu einem 100-Jahr-Geburtstagskränzchen einladend, eher wie Klein-Alcatraz. Das hat auch seinen guten Grund: Von der Jedleseer Straße aus werden nicht nur zehntausende Floridsdorfer und Langenzersdorfer Haushalte mit Strom versorgt, aus dem Weinviertel langt auch eine der wichtigsten Stromleitungen hier in Wien ein.

Die mittlerweile abgebaute
110kV-Freiluftschaltanlage.. Bild: Wiener Netze.
Die mittlerweile abgebaute 110kV-Freiluftschaltanlage.. Bild: Wiener Netze.

Jahrzehntelang haben vor allem im Freibereich die Umspanner dominiert, begleitet vom typischen Stromsurren. Davon ist keine Rede mehr, die Anlage ist technisch am neuesten Stand, erklärt Gerhard Kohler, Technischer Projektleiter für Umspannwerke der Wiener Netze. Ihn als Experten – auch in Sachen Wiener Stromhistorie zu bezeichnen – wäre die Untertreibung des Jahrhunderts.

Eine Reportage von Hannes Neumayer

Regel Nummer 1 für die seltenen Besucher von Außen: „Hände in der Hose lassen!“ Um ja nicht irrtümlich irgendwo anzukommen. Die Schlagzeile „DFZ-Journalist löst Stromausfall in Floridsdorf aus“, ist zu vermeiden.

Die Geschichte des ,UW Nord‘ hängt eng mit der Errichtung der Wasserkraftwerke Opponitz und Gaming zusammen: „Über den Knoten Gresten wurde der elektrische Strom aus diesen Kraftwerken mit einer der ersten 110kV-Freileitungen Österreichs zur neuen 110kV-Schaltstation nach Floridsdorf gebracht.“ 1943 ging hier auch das erste 110kV-Kabel Richtung Simmering in Betrieb, „eine europäische Pionierleistung“, so Kohler.

Jedlesee war immer schon ein wichtiger Einspeisepunkt: Damals wurden 110kV auf 30kV und 5kV abgespannt. Heute ist man eine Spannungsebene höher: Elektrische Energie kommt mit 400kV ins Umspannwerk und wird auf 110kV und weiter 10kV abgespannt.
Seit den 50er-Jahren besteht eine enge Leitungsverbindung mit Bisamberg. Lange war die auch quer durch den 21. Bezirk mit der Hochspannungsleitung sichtbar. Seit 2006 wurde diese 110kV-Freileitung durch zwei 400kV-Leitungen ersetzt und noch vor Strebersdorf unter die Erde gelegt.

Im ,UW Nord‘ gibt es zwei riesige Transformatoren, die spannen den Strom auf 110kV ab. Dann gibt es eine große 110kV-Anlage und drei Transformatoren, um auf 10kV abzuspannen. Und von dort geht es wieder in eine Anlage von der in die Fläche, „also bis in die Haushalte, verteilt wird“, erklärt Kohler die Prozesse – die im Gebäude ablaufen – verständlich.

Die 400kV-Schaltanlage. Bild: Robert Sturm - cordbase.com
Die 400kV-Schaltanlage. Bild: Robert Sturm – cordbase.com

Diese 10kV-Leitungen führen in viele kleine Trafostationen, die man in Kellern oder auf der Straße sieht, „dort steht quasi ein Mini-Umspannwerk, das aus 10kV die 400/230 Volt macht, die wir alle im Haushalt als Dreh- oder Wechselstrom verwenden können“. Faustregel: Pro kV kann man Energie einen Kilometer verlustarm übertragen. Mit einer 110kV-Leitung geht das dementsprechend 110 Kilometer.

Dass die 400kV-Leitungen unter die Erde verlegt wurden (zusätzlich gibt es entlang des Hubertusdammes eine 110kV-Hochspannungsleitung) hat den Vorteil, dass es auch keine Freiluftanlage mehr gibt. Die musste früher jeden Winter gewaschen werden, um vom von der Nordbrücke stammenden Salz befreit zu werden. „Eine Lieblingsbeschäftigung der Kollegen“, erzählt Kohler mit
einem Schmunzeln.

Übrigens: Ein Stromausfall hat seine Ursache kaum in einem Umspannwerk, sondern bei Bauarbeiten auf der Straße. Kohler: „Der größte Feind der Wiener Netze ist der Bagger.“ Mit einem Blackout – also einem österreich- oder europaweiten Stromausfall – hat das gar nichts zu tun. Stromgebrechen sind lokal, maximal einige Kabel betroffen, die dann „von der anderen Seite“ versorgt werden können.

Das Umspannwerk Nord war bis vor Kurzem eine von nur zwei Wiener Anlagen, die eine Verbindung zum 400kV-Netz der APG darstellen. Von hier werden 110kV zu den Anlagen Leopoldau, Stadlau, Leopoldstadt, Handelskai, Heiligenstadt und Michelbeuern weitergeleitet.

Deshalb zählt das von der Schaltwarte Simmering ferngesteuerte Umspannwerk in Jedlesee (kann wenn nötig auch autark am Standort betrieben werden) zur kritischen Infrastruktur. Details, rote Alarmknöpfe, etc. zählen zu den bestgehütesten Floridsdorfer Informationen und Geheimnissen.