Vor hundert Jahren: Jedlesee schreibt Fluggeschichte

1780
Am Ort des einstigen Flugplatzes erinnert der Wissenschafter Dr. Robert Krickl mit einem 1:12 Modell des Flugzeugs, das hier vor genau 100 Jahren die Luftlinie zwischen Österreich und Deutschland eröffnete, an die Pionierleistungen. Bild: Krickl.
Am Ort des einstigen Flugplatzes erinnert der Wissenschafter Dr. Robert Krickl mit einem 1:12 Modell des Flugzeugs, das hier vor genau 100 Jahren die Luftlinie zwischen Österreich und Deutschland eröffnete, an die Pionierleistungen. Bild: Krickl.

„Der Flieger kommt!“ – die Rufe schallten zur Mittagszeit des 14. Mai 1923 über das Jedleseer Überschwemmungsgebiet, als viele Finger in den Himmel über den Kahlenberg zeigten. Eine Junkers F-13 war die Maschine, die plangemäß den Luftlinienverkehr zwischen Österreich und Deutschland aufnahm.

„Beteiligt waren die Fluggesellschaften des deutschen Junkers-Konzerns und die Österreichische Luftverkehrs AG“, erzählt Dr.
Robert Krickl. Die ÖLAG bildete die historischen Wurzeln der heutigen Fluglinien Lufthansa und AUA. Es war das erste österreichische Unternehmen mit regelmäßigem internationalen Luftverkehr für Personen, Fracht und Post und bis zum Ende der 1930er-Jahre die „viertgrößte Fluggesellschaft Europas“.

Abfertigungsgebäude und Flugplatz im Überschwemmungsgebiet. Bild: Bezirksmuseum Floridsdorf.
Abfertigungsgebäude und Flugplatz im Überschwemmungsgebiet. Bild: Bezirksmuseum Floridsdorf.

Eine große Menschenmenge fand sich in Jedlesee ein – dennoch gibt es bis heute kein bildliches Zeugnis des Tages. Der Flugplatz war eine Wiese, die Abfertigungshalle eine Hütte mit Personenwaage, nicht mal ein Telefon gab es – der Flugplatz Aspern war der ÖLAG zu teuer. Zu Beginn gab es keine Hangars, nur jeweils ein anwesendes Flugzeug für maximal vier Passagiere. Um von München über Jedlesee nach Budapest weiterzufliegen wurde die Junkers-Maschine mit Schwimmern versehen und zu Wasser gebracht oder Passagiere mussten umsteigen.

Der genaue Ort wirkt aus heutiger Sicht kurios: kein moderner Flughafen, sondern eine Wiese neben der Donau, im heute nicht mehr existierenden Überschwemmungsgebiet bei Jedlesee im 21. Bezirk. Mit ein Grund für diese Wahl war die größere Nähe zur Stadt, etwa im Vergleich zum bekannten Flugfeld in Aspern. Doch auch die zahlreichen Lacken, durch welche die Zuschauer*innen waten mussten, um die Fluggäste aus Deutschland erstmals willkommen zu heißen, schmälerten nicht den großen Jubel und das Gefühl dass ein neues Zeitalter begonnen hatte.

„Aus heutiger Sicht muten diese Anfänge im Mai 1923 sehr bescheiden an: eine sumpfige Wiese mit ein paar Bretterhütten ohne Hangars, nur jeweils 1 anwesendes Flugzeug für maximal 4 Passagier*innen pro Tag und nur 1 Fluglinie mit 1 einzigen Destination. Mit fortschreitender Technik entwickelte sich jedoch aus dieser Keimzelle einer der zentralen Eckpfeiler des globalen Verkehrs“, so Kickl. Heute liegt Wiens „Tor zur Welt“ nicht mehr im Stadtgebiet, sondern in Schwechat. Der Flughafen Wien ist einer der modernsten überhaupt – vielfach international ausgezeichnet, darunter gerade erst als „Best European Airport 2022“. An diesem größtem Verkehrsflughafen Österreichs wurden im Jahr 2022 knapp 24 Millionen Passagiere abgefertigt, im Rekordjahr (Vorkrisenniveau) 2019 sogar fast 32 Millionen. Derzeit fliegen etwa 60 Airlines 190 Destinationen in 67 Ländern von Wien aus an. Das 10 kmÇ große Flughafenareal bietet etwa 100 Flugzeugabstellpositionen. Mit rund 23.000 Beschäftigten in 230 Unternehmen, davon rund 5.000 bei der Flughafen Wien AG, ist der Standort Flughafen Wien heute einer der größten Arbeitgeber in der Region. Ein Vergleich dieser Zahlen zwischen den Jahren 1923 und 2023 veranschaulicht die

unglaubliche Entwicklung, die sich in einem Jahrhundert vollzogen hat.

Flugplatz im Überschwemmungsgebiet. Bild: Bezirksmuseum Floridsdorf.
Flugplatz im Überschwemmungsgebiet. Bild: Bezirksmuseum Floridsdorf.

Nach dem Premierenflug hob 1927 die letzte Maschine der ÖLAG von Jedlesee in die Schweiz ab. Krickl plant noch heuer eine Buchveröffentlichung zur frühen Luftfahrtsgeschichte: „Jeder noch so kleine Hinweis, Erzählungen, Dokumente, Briefe, Fotos etc. können wertvolle Einblicke in die damalige Zeit liefern und helfen, die Geschichte korrekt zu rekonstruieren und der Nachwelt zugänglich zu machen.“ -H.N.

Philatelie zum Ereignis in Jedlesee. Bild: Krickl.
Philatelie zum Ereignis in Jedlesee. Bild: Krickl.