„Will auch die alleinerziehende Mama vetreten“

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Georg Papai. Foto: Alexander Müller.
Georg Papai. Foto: Alexander Müller.

Bezirksvorsteher Georg Papai im Interview über Arbeiten im Lockdown und den Baustart im Donaufeld.

Es ist bald ein Jahr seit im März 2020 ein Lockdown verhängt wurde: Wie funktioniert die Arbeit in Corona-Zeiten?

Georg Papai: Es läuft mit den nötigen Abständen. Große Sitzungen wie die Bezirksvertretung finden nur im Haus der Begegnung statt. Das ist fix bis Sommer so, eventuell wieder mit weniger Bezirksräten. Das Büro arbeitet derzeit wieder reduziert. Grundsätzlich läuft die Arbeit Montag bis Freitag wie immer, manchmal sogar intensiver. Die eine oder andere Video-Konferenz ist gut gemeint, dauert aber statt einer Stunde persönlich, zweimal drei Stunden. Samstag und Sonntag gibt es sonst eine Vielzahl von Terminen, da ist es ruhiger. Dafür bleibt an den Wochenenden mehr Zeit.

Stein

Auswirkungen auf laufende Projekte?

Mit einer Ausnahme nicht. Die Sanierung der Friedrich-Manhart-Straße sollte 2020 starten, musste aber wegen offener Fragen bezüglich der Gehsteige verschoben werden.

Wie geht es lokalen Firmen, wie geht es speziell der Gastronomie?

Gerade in der Gastronomie war es am Anfang wienerisch formuliert ein bisschen ein hysterisches Jammern. Das ist vorbei. Viele stehen vor der Existenzfrage. Gastronomen sagen mir: Wenn bis Ostern zu ist, müssen einige ganz zusperren. Es gibt auch andere Branchen, die fast profitieren: Man merkt die Menschen kochen wieder mehr daheim. Deshalb verkaufen sich mehr Geschirrspüler. Auch am Schlingermarkt wurden rund um Weihnachten mehr Festtagsbraten gekauft.

Im Sommer ist Baustart im Donaufeld: Seit wenigen Monaten gibt es überraschend eine neue Bürgerinitiative, die sich ein ‘freies Donaufeld’ wünscht. Überraschend, weil sich die vor Jahren bestehende BI aufgelöst und die neue Initiative erst nach einer Aussage von Ihnen im DFZ-Interview („Wenn man die Wohnungen nicht braucht, hat man mit mir den ersten Kämpfer dafür, dass man dort nicht baut.“) gegründet. Sie sind quasi der Gründungsvater.

Also, das ist viel Ehre, wenn Sie glauben, dass das Interview die Bürgerinitiative gegründet hat. Aber ich nehme das als Orden zur Kenntnis.

Aus meiner Sicht geht es nicht jetzt los im Donaufeld. Sondern losgegangen im Donaufeld ist es durch den Flächenwidmungsplanvorschlag, den die Grüne Stadträtin erarbeiten hat lassen und rechtsgültig im Gemeinderat hat beschließen lassen. Das war vielleicht nur am Papier und für weniger Menschen erlebbar. Gebaut werden kann ja nur, wo es bereits eine Flächenwidmung gibt.

Im Vorfeld gab es eine sehr aufwendige, intensive, aus meiner Sicht auch gute, aber auch sehr teure Bürgerbeteiligung im Donaufeld: Ich bin nicht ganz sicher, aber ich habe eine sechsstellige Summe im Hinterkopf, die diese Bürgerbeteiligung gekostet hat. Eine Bürgerbeteiligung, die in vielen Bereichen auch andere Lösungen und Wege am Ende implementiert hat, wie wenn das Gebiet ohne Bürgerbeteiligung entwickelt worden wäre.

Da muss man sich fair die Frage stellen, wenn jetzt auf einmal – zugegebenermaßen andere – Bürger kommen und sagen, sie wollen das verhindern. Also praktisch ein einseitiges Aufschnüren einer Vereinbarung, die Kompromisse auf allen Seiten betrifft. Das ist schwer: Die ersten 1.400 Wohnungen, die die Grüne Planungsstadträtin gewidmet gewidmet hat, dort haben die Grundeigentümer eigentlich Rechtssicherheit. Ich war immer ein Freund davon, noch ein Stück mehr Mut zur Höhe zu haben und dafür im Gegenzug zum Beispiel noch ein Stückerl mehr Freiraum zu erhalten.

Protest gegen die Verbauung des Donaufelds. Nachdem der erste Teil bereits gewidmet ist und 2021 bereits der Baubeginn bevor steht, regt sich nun neuer Widerstand. Ziel: Nicht die ganzen 60 Hektar für neuen Wohnbau zur Verfügung stellen. Bild: DFZ.
Protest gegen die Verbauung des Donaufelds. Nachdem der erste Teil bereits gewidmet ist und 2021 bereits der Baubeginn bevor steht, regt sich nun neuer Widerstand. Ziel: Nicht die ganzen 60 Hektar für neuen Wohnbau zur Verfügung stellen. Bild: DFZ.

Hatten Sie schon direkt Kontrakt mit ‚Freies Donaufeld‘?

Die Bürgerinitiative hat bei mir schon um ein persönliches Treffen angesucht, das ich natürlich gerne wahrnehmen möchte. Das wurde durch den Lockdown schon zweimal verschieben.

Wie sehen Sie deren Anliegen?

Die Bürgerinitiative glaubt, dort kommen zukünftig alle mit dem Fahrrad. Man kann sich das jetzt ganz schön in den auch von der Grünen Stadträtin gewidmeten Schichtgründen ansehen: Da schreiben mir mehrere Bewohner, dass sie keinen Tiefgaragenparkplatz mehr bekommen. Eine Dame, die ein bisschen gehbehindert ist, hat dort erst jetzt eine Wohnung bezogen und bekommt keinen Garagenparkplatz. Sie steht laut Genossenschaft auf Platz 25 der Warteliste und wird noch die nächsten zehn Jahre keinen Parkplatz bekommen. Und dann erzählt mir die Planungsabteilung, wir brauchen keine Parkplätze mehr, es kommen eh alle mit dem Fahrrad. Das ist einfach nicht die Realität. Die Menschen beschweren sich dann nicht bei der MA21 und sie beschweren sich auch nicht bei der Bürgerinitiative, sondern die Menschen beschweren sich dann bei mir.

Im Donaufeld wollte die Planungsabteilung am Anfang 800 Parkplätze für 6.000 Wohnungen. Ich habe lang und fast schon stur dafür gekämpft, um im Donaufeld 3000 Parkplätze für 6000 Wohnungen zu haben. Ich bin der Meinung, das ist noch immer zu wenig, aber mehr konnten wir in den Gesprächen mit Christoph Chorherr nicht zusammen bringen.

Bezirksvorsteher Georg Papai (SPÖ) beim Foto-Termin im  Florido-Tower Anfang 2020. Bild: Robert Sturm - cordbase.com
Bezirksvorsteher Georg Papai (SPÖ) beim Foto-Termin im Florido-Tower Anfang 2020. Bild: Robert Sturm – cordbase.com

Wie notwendig braucht es vor allem die noch nicht gewidmete 2. Phase der Verbauung des Donaufelds?

Ich bin auch nicht glücklich, dass das Donaufeld verbaut wird. Aber wir brauchen Wohnraum: Jede Woche kommen zu mir Familien, die eine günstige und leistbare Wohnung suchen bei uns im Bezirk. Und das sind nicht lauter Familien von außerhalb Floridsdorfs, das sind Familien in Floridsdorf. Es kommen oft junge Damen, die noch zu Hause wohnen und dann ausziehen wollen, aber nichts brauchbares finden.

Das heißt also, wir brauchen Wohnraum. Und dann stellt sich die Frage: Wo bauen wir Wohnraum? Bauen wir Wohnraum irgendwo weiter im Speckgürtel, wo dann jede Familie zwei Autos braucht. Wo jede Familie mir nach drei Monaten schreibt, der Kindergartenplatz ist so weit weg; das nächste Einkaufsgeschäft ist soweit weg. Oder bauen wir Wohnraum, wo Infrastruktur schon vorhanden ist. Und das Donaufeld ist Infrastruktur-technisch was Geschäfte betrifft, was Arztversorgung betrifft, was Bildungs-Infrastruktur betrifft, auch was Straßenbahn betrifft, schon recht gut ausgestaltet. Natürlich braucht es noch mehr, wenn dort Wohnungen entstehen: Eine neue Schule, neue Kindergärten.

Ich bin auch nicht da, um der Bürgerinitiative zu gefallen: sondern, um alle Floridsdorfer zu vertreten. Auch jene, die nicht laut Schreien! Das meine ich nicht abwertend, man braucht sich nur anschauen, wer sich in der Bürgerinitiative engagiert: Das ist immer der gleiche Typ – sehr viele Selbstständige, Bildungsschicht und auch sozial Bessergestellte. Ich will auch die alleinerziehende Mama vertreten, die am 20. des Monats schon das Geldbörsel umdrehen muss, um irgendwie über die Runden zu kommen. Die kann sich nicht am Abend in einen 3-Stunden-Workshop setzen.

Zu ihrer Aussage, „Wenn man die Wohnungen nicht braucht, hat man mit mir den ersten Kämpfer dafür, dass man dort nicht baut“, stehen Sie weiterhin?

Das sehe ich noch immer so. Wenn wir keinen Wohnraum mehr brauchen, bin ich der Erste, der mit der Fahne vorausrennt, dass man das Donaufeld nicht verbaut!

Wieviele Bau-Etappen wird es im Donaufeld geben?

Aus meiner Sicht drei.

Ich stehe auch weiter dazu und das freut vielleicht die Bürgerinitiative: Ich werde im Bezirk dem zweiten Teil keinesfalls zustimmen, bevor es nicht einen rechtsgültigen Beschluss für den Ausbau der Straßenbahn gibt. Einen Gemeinderatsbeschluss. Mein Ziel wäre, dass die zusätzliche Linie 2025 kommt. Ob sie wirklich dann schon den zusätzlichen Schienenstrang durch das neue Gebiet fährt oder ob es die ersten Jahre noch ein zusätzlicher Verstärker auf der Donaufelder Straße ist, wird man noch beurteilen müssen.

Wie ist denn der weitere Zeitplan im Donaufeld: Ist bereits heuer mit einer weiteren Widmung eines zweiten Teils zu rechnen?

Es gibt für mich keine Anzeichnen, dass die Widmung eines nächsten Teils kurz bevor steht.


Interview: Hannes Neumayer