Das unbekannte Amtshaus

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Dorfwirtshaus in Jedlersdorf Am Spitz auf einer alten Postkarte um 1900. Bild: Bezirksmuseum.
Dorfwirtshaus in Jedlersdorf Am Spitz auf einer alten Postkarte um 1900. Bild: Bezirksmuseum.
Stein

Vor 121 Jahren wurde mit dem Bau des Floridsdorfer Amtshauses begonnen. Dass das bekannteste Floridsdorfer Gebäude ursprünglich sogar als Rathaus der neuen niederösterreichischen Landeshauptstadt Floridsdorf geplant war, wissen Viele. Aber was war eigentlich davor Am Spitz? Und hätten Sie gewusst, dass unser Amtshaus exakt 40 Jahre einen Uhrturm hatte?

Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die heutigen Ortschaften des Bezirks rasant. Industrie, von Eisenbahnfabriken bis Bier-Brauereien, siedelte sich an. 1894 vereinigten sich der alte Ort Floridsdorf,  Teile von Jedlersdorf, Donaufeld und Jedlesee zur Großgemeinde Floridsdorf. Die zählte immerhin schon circa 30.000 Einwohner.

Doch bald wurden neue Pläne gewälzt: Die wachsende Bevölkerung brauchte neue Schulen und Kirchen und ein repräsentativer Mittelpunkt sollte her. Dass der Bau Am Spitz zwischen den Reichsstraßen nach Prag und Brünn liegen soll, war ebenso rasch klar, wie dass er eindrucksvoll sein sollte. Die genaue Funktion entschied sich jedoch erst während des Baus. Denn es gab zwei Optionen: Floridsdorf wird niederösterreichische Landeshauptstadt mit dem heutigen Amtshaus als Rathaus. Oder, Floridsdorf kommt als 21. Bezirk und als erster jenseits der Donau zur Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Zweiteres passierte mit der Jahreswende 1904/05: Übrigens noch ohne
Strebersdorf und Stammersdorf, dafür mit Kagran, Hirschstetten, Aspern und Stadlau.

Ursprünglich stand hier ab etwa 1786 das Spitzer Gemeindegasthaus. Das gehörte gar nicht zur wenige Jahre zuvor erst gegründeten Ortschaft Floridsdorf, sondern zu Jedlersdorf am Spitz. Die Dorfstraße der neugegründeten, aus 30 Häusern bestehenden, Ortschaft Floridsdorf war die heutige Schloßhofer Straße (bis 1882 Kirchengasse genannt). Das Spitzer Wirtshaus der Jedlersdorfer musste wie auch das Gemeindegasthaus ‘Zum goldenen Engel’ der Floridsdorfer mit einem Stockwerk aus gebrannten Ziegeln errichtet werden. Das hatte Kaiser Josef II angeordnet: Die beiden Gasthäuser mussten der Bevölkerung als Zufluchtsstätte bei den häufigen Hochwassern dienen.

Um die Geschichte der alten Ortschaften Floridsdorfs haben sich insbesondere Hans Smital (er verfasste 1904 die ‘Geschichte der Großgemeinde’) und Franz Polly in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verdient gemacht. Pollys Fundgruben wie die ‘Floridsdorfer Spaziergänge’ sind übrigens (teilweise) noch im Bezirksmuseum erhältlich. So waren im alten Spitzwirtshaus ein kleiner Raum für den Bürgermeister und zwei Zimmer für das Postamt. Von 1821 – 1843 war der Wirt Matthias Spann auch Posthalter. Im ungepflasterten Hof gab es Schuppen und Stallungen, „alte Floridsdorfer erzählten, dass er ein ständiges Kotmeer war. Die freiwillige Feuerwehr hatte dort ihr Requisitendepot und ein Übungsgerüst. War Feuer ausgebrochen, lief ein Hornist durch die Straßen und alarmierte durch ein Hornsignal die Rettungsmannschaften.“


Ab 1899 wurde das neue Rathaus geplant, die Architekten-Brüder Drechsler beauftragt, am 9. Mai 1901 war Spatenstich, am 7. August 1902 begann die Firma Milde mit der Eisenkonstruktion des Daches und im September 1903 war der 900.000,- Kronen teure Bau vollendet. Frühe Ansichten des neuen Amtshauses zeigen übrigens noch diverse geplante Denkmäler vor dem Amtshaus (Bild oben), zu deren Errichtung es nie kam. Auf Postkarten sichtbar ist ein Uhrturm: Den gab es exakt 40 Jahre. Er wurde bereits mit den ersten Bombentreffern auf Floridsdorf 1944 zerstört und nicht wieder errichtet (Bild unten). Der Uhrturm war 52 Meter hoch und gewährte einen herrlichen Ausblick. -Hannes Neumayer