Streifzug in die Vorzeit des Abwassers

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Gerald Pichowetz. Bild: Gloria Theater.
Gerald Pichowetz. Bild: Gloria Theater.
Stein

Meine lieben „Fluaridsduafa“!
Neulich ist mir wieder einmal aufgefallen, dass man manche oder genau genommen sogar viele Dinge seiner Umwelt
eigentlich kaum oder gar nicht wahrnimmt, obwohl man täglich, stündlich oder minütlich mit ihnen konfrontiert ist. Eines dieser Dinge ist die Frage, wohin etwa Wasser und seine Zutaten gelangen, wenn sie aus der Küche, dem Badezimmer oder der Toilette im Abfluss verschwunden sind.

In den hügeligen Gebieten der Vorstädte und Vororte Wiens sah man in der Vorzeit Abwasser seinen natürlichen Weg bergab Richtung Donau nehmen. Unser Heimatgebiet hingegen verläuft von den Abhängen des Bisambergs überwiegendst flach, hier bediente man sich verbreitet noch bis ins späte 19. Jahrhundert Senkgruben, die gelegentlich mittels Pumpen entleert wurden. Da damals mangels Wasserleitungen die hauseigenen Brunnen meist in der Nähe lagen, bildeten diese Jauchegruben eine ständige Gesundheitsgefahr.

Nach römischem Vorbild wurden im späten Mittelalter im Alten Wien nach und nach sogenannte „Möhrungen“ erbaut, Ableitungskanäle für Abwässer, die bereits unterirdisch verliefen. Maria Theresia verlangte 1753 eine möglichst lückenlose Herstellung von Hauptkanälen in den
Straßen Wiens sowie Anschlüsse von Nebenkanälen aus den Häusern.

In Floridsdorf errichtete man ab den 1880er Jahren einen Sammelkanal, der entlang der Linie Floridsdorfer Hauptstraße und Brünner Straße bis zur Shuttleworthstraße verlief, der Donaufelder Sammelkanal verlief an der heutigen Alten Donau. Das Problem von Rückstaus bei Hochwasser wurde durch Sperren und ein Pumpwerk gelöst. Das 1937 von Franz Wiesmann erbaute Gebäude des Pumpwerks Floridsdorf war damals weithin zu sehen, heute ist es neben dem „Florido Tower“ an der Ecke mit der Fännergasse eher unscheinbar platziert.

Durch das flache Gelände konnten die Sammelkanäle lediglich mit einem Gefälle von etwa 0,5 bis 1 Promille konstruiert werden, was einem Höhenunterschied von einem halben bis einen Meter auf eine Entfernung von einem Kilometer entspricht. Die Kanäle mündeten natürlich in die Donau, etwa in Höhe des Nullwassers, also dem durchschnittlichen Wasserstand der Donau.

Die Abwasserentsorgung in unserem Heimatbezirk kann also durchaus als ansprechende technische Leistung betrachtet werden.
Euer Gerald Pichowetz