Anna Sinawastin – eine Floridsdorfer Dienstmagd schreibt Geschichte

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Straßenschild Sinawastingasse. Bild: DFZ.
Straßenschild Sinawastingasse. Bild: DFZ.
Stein

Radfahrer in Floridsdorf kennen die Sinawastingasse. Sie ist die Hauptradroute und führt zum gelben Steinitzsteg über die Donau. Kaum jemand kennt die Geschichte hinter der bemerkenswerten Benennung der kleinen Gasse nach Anna Sinawastin. Eine Spurensuche.

Von Anna Sinawastin ist kein Foto überliefert und nicht einmal ihr genaues Geburtsdatum ist bekannt. Sinawastin könnte sogar eine verballhornte Variante ihres Namens sein – in einem Zeitunsgsartikel wird sie in Klammern Szinowacz genannt. Und dennoch: Anna Sinawastin ist unseren Recherchen nach (abgesehen von Kaiserin Elisabeth) die erste Frau, nach der in Floridsdorf eine Verkehrsfläche benannt wurde. Und das bereits 1901. Was umso bemerkenswerter ist, da sie Dienstmagd war.

Sterbebuch-Eintrag von Anna Sinawastin. Quelle. https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/21-floridsdorf/03-09/?pg=285.
Sterbebuch-Eintrag von Anna Sinawastin. Quelle. https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/21-floridsdorf/03-09/?pg=285.

„Sinawastingasse, 21., seit 1901, Anna Sinawast (1825 – 1891), Dienstmagd, Wohltäterin (vermachte ihren Nachlaß von 3.950 Gulden einer Stiftung für verarmte alte Dienstboten)“, heißt es im ‚Lexikon der Wiener Straßennamen‘ von Peter Autengruber (12. Auflage, 2022). Und mehr lässt sich auch sonst nicht finden.

8., Alserstraße 23 - Findelhaus. Bild: Wien Museum, Inventarnummer HMW 28872.
8., Alserstraße 23 – Findelhaus. Bild: Wien Museum, Inventarnummer HMW 28872.

Sinawastins Eintrag im Sterbebuch gibt erstmals auch ihren Geburtsort preis: Ladendorf. Eine kleine Ortschaft im Weinviertel zwischen Ernstbrunn und Mistelbach. Als Todesursache ist Lungenentzündung angegeben, als Alter 64. Sie wäre demnach 1827 geboren. Ihr genaues Geburtsdatum konnte nicht eruiert werden, anderen Quellen nach ist es 1832.

Eine realistische Variante: Sie wurde am 19. August 1825 in der Gebäranstalt im Krankenhaus in der Alservorstadt als Tochter einer Christina Sinawatsin geboren. Das Gebärhaus war 1784 als Teil des Allgemeinen Krankenhauses gegründet worden: „Die öffentliche Vorsorge bietet durch dieses Haus geschwächten Personen einen allgemeinen Zufluchtsort an / und nimmt, da sie die Mutter vor der Schand und Noth gerettet, zugleich das unschuldige Geschöpf in Schutz, dem diese das Leben geben soll.“, heißt es in einem Artikel der Österreichischen Gesellschaft für Familien- und regionalgeschichtliche Forschung (ÖFR) über die Gründung der Gebäranstalt. Die meisten Kinder landeten nach der Taufe in der Pfarre Alser Vorstadt im benachbarten Findelhaus, um in den nächsten Wochen adoptiert zu werden. Leider fehlt bei den Findelbuch-Matrikel ausgerechnet der Jahrgang 1825.

Möglicher Eintrag ins Taufbuch für Anna Sinawastin. Quelle: https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/08-alservorstadtkrankenhaus/01-024/?pg=245
Möglicher Eintrag ins Taufbuch für Anna Sinawastin. Quelle: https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/08-alservorstadtkrankenhaus/01-024/?pg=245

Bestattet wurde Anna Sinawastin auf dem ,Floridsdorfer Leichenhof‘, dem damaligen Friedhof – heute Areal des Paul-Hock-Parks. Floridsdorf war zum Sterbetag der Wohltäterin, 26. Dezember 1891, ein eigenständiger Ort und seit 1874 mit Jedlersdorf Am Spitz (Klein-Jedlersdorf) vereinigt.

Ein kleiner Hinweis findet sich im Oktober 1887 in Zeitungsberichten: Sinawastin bekommt am Namenstag von Kaiser Franz Joseph eine Dienstboten-Prämie ausbezahlt, wie mehrere Zeitungen berichten. Sie ist Stubenmädchen bei Josef Schwaiger, Kaufmann in Floridsdorf (Prager Straße 1) und diente ihrem Dienstgeber bereits 32 Jahre lang.

1892 berichten kurze Artikel indirekt über den Tod der nun als Dienstmagd bezeichneten Frau. Sie war 35 Jahre bei Schwaiger (und wie Hans Smital in ,Großgemeinde Floridsdorf‘ 1903 berichtet, bei dessen gleichnamigem Sohn) und nun werden etwaige Erben aufgefordert, sich bei Dr. Naftali Schaar (Rechtsanwalt in Floridsdorf) zu melden. Erstmals wird auch der Grund für die spätere Straßenbenennung genannt: Anna Sinawastin hat offensichtlich von ihrem spärlichen Lohn sparsam gelebt und hinterließ ihre Ersparnisse von 3.950 Gulden einer Stiftung für – präzise – „arme alte weibliche Dienstboten der alten Ortsgemeinde Floridsdorf“. Heute wären das etwa 61.150 Euro. Ebenfalls 1892 genehmigt der Floridsdorfer Gemeinderat die Begräbniskosten von 900 Gulden.

Am 2. November 1895 berichtet ,Die Floridsdorfer Zeitung‘ über geplante Auszahlungen am Todestag der Stifterin „an würdige, arme, alte weibliche Dienstboten“. Würdige Personen werden aufgefordert, sich beim Bürgermeisteramt zu melden. Der Volksbote berichtet 1904 über eine Auszahlung von 30 Gulden aus der ,Anna Sinawastin-Stiftung‘ an eine Magdalena Mondschein. Noch 1906 vermeldet ,Die Gemeinde-Verwaltung der k.k. Reichshaupt – und Residenzstadt Wien‘ im Zuge der erfolgten Eingemeindung Floridsdorfs von der Einverleibung der Armenstiftungen, dass die Anna Sinawastinsche Stiftung einen Vermögenswert von 7.334 Kronen (heute: 54.000 Euro) aufweist und die zweitgrößte private ,Stiftung für Armenpflege‘ Floridsdorfs war.

Was aus der Stiftung wurde, bleibt trotz umfangreicher Recherchen unklar: Weder im Wiener Stadt- und Landesarchiv, dem Niederösterreichischen Landesarchiv, noch der MA40 und der MA62 finden sich Hinweise – auch nicht auf die Verlassenschaft.

Wie ihr Leben ausgesehen hat, können wir uns nur ausmalen. Floridsdorf war zu ihren Lebenszeiten eine rasant wachsende Ortschaft (1867: 12.022 Einwohner), bald nach Wien die größte Stadt in Niederösterreich und lange vor der Kür von St. Pölten ernsthaft als Landeshauptstadt im Gespräch. Anna Sinawastins Arbeitgeber Josef Schwaiger war kein Unbekannter: Er begründete Am Spitz das Kaufhaus ,Zum goldenen Löwen‘, war 1848 Hauptmann der Nationalgarde und gehörte 1850-1867 der Gemeindevertretung Floridsdorf an, berichtet das Wien Geschichte Wiki. Bereits zu Lebzeiten wurde er am 8. März 1883 Ehrenbürger von Floridsdorf. Er erwarb sich auch durch seine Wohltätigkeit Verdienste und nach ihm ist seit 1874 die Schwaigergasse, die vom ,Spitz‘ abzweigt, benannt (nicht nach dem vorletzten Floridsdorfer Bürgermeister Anton Schwaiger, Josefs Sohn). Es ist wohl kein Zufall, dass die Sinawastingasse am Ende der Schwaigergasse beginnt – und Schwaiger und Sinawastin aus Ladendorf stammen.

Später übernahm man das Geschäft von Josef Schwaiger schräg über die Straße. Siehe Bild unten von Sperlings Postkartenverlag (M. M. S.) (Hersteller), 21., Prager Straße - mit Sparcassa, Ansichtskarte, 1900–1905, Wien Museum Inv.-Nr. 234996, CC0 (sammlung.wienmuseum.at/objekt/1041420/).
Später übernahm man das Geschäft von Josef Schwaiger schräg über die Straße. Siehe Bild unten von Sperlings Postkartenverlag (M. M. S.) (Hersteller), 21., Prager Straße – mit Sparcassa, Ansichtskarte, 1900–1905, Wien Museum Inv.-Nr. 234996, CC0 (sammlung.wienmuseum.at/objekt/1041420/).

„Ein ganzes Leben lang hat die Sinawastin im Sinne anderer schwer gearbeitet. Vom eigenen Lebensglück hat sie wenig erfahren. Immer musste sie bereit sein, anderen Menschen das Leben zu erleichtern. Es ging ihr wie vielen tausenden anderen Dienstmädchen der damaligen Zeit“, heißt es in einem allgemein gehaltenen Zeitungsartikel im ‚Kleinen Blatt‘ 1927. Und weiter: „Sie empfand dieses Leben drückend, ungerecht, grausam. Jahrzehntelang Tag für Tag immer nur für andere wirken, nie für sich selbst, außer den paar Ausgangsstunden am Sonntag, nie ein freier Mensch sein. Nie an dem reichen, großen Strom des Lebens und der Bildung teilnehmen können. Anna Sinawastin empfand, was das heißt. Und da sie für sich selbst dieses Schicksal nicht ändern konnte, wollte sie wenigstens mithelfen, es für ihre Kolleginnen zu mildern. Die geringen Ersparnisse, die sie von ihrem Lohn erübrigen konnte, legte sie für diesen Zweck zusammen. Im Laufe der Jahrzehnte wuchs die Summe an. Eine kleine Erbschaft kam dazu. Und als Anna Sinawastin starb, bestimmte sie, dass ihre Habe zu einer Stiftung für arme Hausgehilfinnen verwendet werden soll.“

Wünschen kann man Anna Sinawastin, dass sie etwas vom Gewerbe ihres langjährigen Dienstgebers profitieren konnte. Der hatte einen bekannten Gemischtwarenhandel Am Spitz 9 bzw. am Beginn der Prager Straße (die Standorte wechselten, es gab auch ein Geschäft, wo heute der Spar ist). Das Geschäft Am Spitz 9 wurde später von Conrad Sild übernommen. Schwaiger verkaufte allerlei Köstlichkeiten, wie eine Anzeige im ,Wohnungs- und Gewerbe-Adressen-Anzeiger für Floridsdorf nebst Gr.-Jedlersdorf, Leopoldau, Kagran und Strebersdorf – erschienen im Verlag der Floridsdorfer Zeitung‘ von 1902 beweist: Olmützer Quargeln, Chocoladen, Sardinen, Caviar, Veroneser Salami, Prager Schinken, Maggi Suppenwürze, Feigencafe, Bisquits, Rum, Cognac, Cherry, uvm.

Wohnungs- und Gewerbe-Adressen-Anzeiger für Floridsdorf nebst Gr.-Jedlersdorf, Leopoldau, Kagran und Strebersdorf erschienen im Verlag der Floridsdorfer Zeitung, 1. Auflage. Quelle: Wienbibliothek im Rathaus.
Wohnungs- und Gewerbe-Adressen-Anzeiger für Floridsdorf nebst Gr.-Jedlersdorf, Leopoldau, Kagran und Strebersdorf erschienen im Verlag der Floridsdorfer Zeitung, 1. Auflage. Quelle: Wienbibliothek im Rathaus.

1901 wurde in der damals noch für drei Jahre eigenständigen Großgemeinde Floridsdorf der kurze Abschnitt von der Schwaigergasse bis zur Jedleseer Straße mit Sinawastingasse benannt. Josef Schwaiger war 1893 verstorben. Anton Schwaiger war 1887-1898 Bürgermeister Floridsdorfs. Hat er die Benennung initiiert? Leider lassen sich dazu keine detaillierten Berichte finden. Der Beschluss zur Benennung fällt am 9. Mai 1900 in der Straßen-Section des Floridsdorfer Gemeindeausschusses und wird wenig später in der Floridsdorfer Zeitung ebenso knapp wie falsch als ,Sivastingasse‘ berichtet.

Am 5. Dezember 1900 berichtet die Floridsdorfer Zeitung über die Benennung der 'Sivastingasse'. Richtig wäre an der Nordwestbahn nicht Bahnhof), der heutigen Nordbrückenabfahrt. Mit Henrici ist die Wäschefabrik zwischen Schwaigergasse und Jedleseer Straße gemeint. Quelle: Anno/Die Floridsdorfer Zeitung.
Am 5. Dezember 1900 berichtet die Floridsdorfer Zeitung über die Benennung der ‚Sivastingasse‘. Richtig wäre an der Nordwestbahn nicht Bahnhof), der heutigen Nordbrückenabfahrt. Mit Henrici ist die Wäschefabrik zwischen Schwaigergasse und Jedleseer Straße gemeint. Quelle: Anno/Die Floridsdorfer Zeitung.

Außerordentliche Benennung in der Geschichte der Floridsdorfer & Wiener Straßen

In den letzten Jahren werden gerade auch in Floridsdorfer Stadterweiterungsgebieten viele Verkehrsflächen nach Frauen benannt, wie etwa nach Christine Nöstlinger oder Vilma von Webenau. Dennoch: Frauen und Männer sind im Stadtraum nicht gleich repräsentiert. Unter 4.466 nach Personen benannten Straßen sind in Wien lediglich 509 für Frauen, so Peter Autengruber.

Straßenbenennungen für Personen kamen erst um 1850 in Mode, auch weil es durch die Eingemeindung der Vorstädte (und später Vororte) zahlreiche doppelte und dreifache Namen wie Kirchengasse gab. In Floridsdorf wurde 1898 ein umfangreicher Plan für neue Benennungen ausgearbeitet, wie ein Artikel in der Floridsdorfer Zeitung belegt. Auch zwei Frauen kommen vor: Die Elisabethstraße soll in Kaiserin-Elisabeth-Straße umbenannt werden. Und für Jedlesee schlägt der Vater der Floridsdorfer Heimatforschung, Hans Smital, eine Renatagasse, „nach dem Taufnamen der Gräfin Buquoy, der Stifterin der St. Maria-Loretto-Kapelle“, vor. Letzteres dürfte nie umgesetzt worden sein.

Das Lexikon der Wiener Straßennamen: Bedeutung. Herkunft. Frühere Bezeichnungen​, von Peter Autengruber. ​Taschenbuch​, 12. Auflage, ​2022​.​
Das Lexikon der Wiener Straßennamen: Bedeutung. Herkunft. Frühere Bezeichnungen​, von Peter Autengruber. ​Taschenbuch​, 12. Auflage, ​2022​.​

„Die erste Benennung nach einer Frau in Wien war 1842 die Lilienbrunngasse, nach Therese Adler von Lilienbrunn“, erzählt Autengruber. Um 1900 war das Ungleichgewicht noch groß: Klar nachweisbar und eindeutig auf Frauen bezogen sind wenige Verkehrsflächenbenennungen. Fast ausschließlich Habsburgerinnen wurden geehrt: Maria Theresia 1870 mit der Maria-Theresien-Straße, 1888 mit dem Maria-Theresien-Platz oder die Elisabethstraße im 1. Bezirk, zum 25. Geburtstag von Kaiserin Elisabeth 1862.

Weitere Kriterien nennt Autengruber: „Die Poschgasse im 14. Bezirk wurde 1893 nach Freifrau Maria Anna von Posch, sie hatte um 1770 die Grundherrschaft Breitensee erworben, benannt. Mit Ertlgasse, Kirchstetterngasse und Köhlergasse gingen drei Auszeichnungen an Stifterinnen – allerdings an wohlhabende. Es gab außerdem Benennungen nach Heiligen, etwa der Brigittaplatz.“ Beispiele: Heilige Margarete von Antiochien (Margareten, Margaretengürtel, Margaretenplatz etc.); Heilige Brigitta (Brigittaplatz, Brigittenau, Brigittenauer Lände etc.); Heilige Maria; Heilige Margarete von Antiochien (Margareten, Margaretengürtel, Margaretenplatz etc.); Heilige Brigitta (Brigittaplatz, Brigittenau, Brigittenauer Lände etc.).“

In Floridsdorf gibt der ,Wohnungs- und Gewerbe-Adressen-Anzeiger für Floridsdorf‘ von 1902 Auskunft über Straßen und Gassen. Abgesehen von der Sinawastingasse ist eine einzige Benennung nach einer Frau aufgelistet. Und das ist wenig überraschend die Kaiserin Elisabethstraße: Sie führte von der Leopoldauer Straße 12 zur Bessemerstraße. Für das heutige Wiener Gemeindegebiet ist diese Benennung also auch abgesehen vom Zeitpunkt doppelt bemerkenswert: Anna Sinawastin war Frau und Dienstbotin. Autengruber: „Das war sicher nicht die Norm, ungewöhnlich und eine absolute Ausnahme um 1900 – bezogen auf das heutige Wiener Stadtgebiet. Die Arbeiterschaft hat vor 1918 keine Ehrungen in Form von Straßenbenennungen bekommen.“

Amtsblatt der Stadt Wien, 1927. Quelle: Wienbibliothek im Rathaus.
Amtsblatt der Stadt Wien, 1927. Quelle: Wienbibliothek im Rathaus.

1927 wurde die Sinawastingasse bis zum Hubertusdamm verlängert. Damals wurde beschlossen, eine Erläuterungstafel anzubringen und zwar mit folgendem Text: „Die im Jahre 1891 verstorbene Dienstmagd Anna Sinawastin vermachte ihren Nachlaß zu
einer Stiftung für arme Haushaltsgehilfen.“ Die Tafel ist offenbar in den folgenden schon fast hundert Jahren verloren gegangen. Oder wie Autengruber vermutet, nie wirklich produziert und angebracht worden.

Vielleicht können die Kulturkommission der Floridsdorfer Bezirksvertretung und das Bezirksmuseum veranlassen, dass es – zum Beispiel bei der großen Esche an der Ecke mit der Jedleseer Straße – endlich eine Erinnerungstafel gibt. -Hannes Neumayer